Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
113
Erscheinungsjahr:
2014
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_113/80/
82 Kudryavtseva Tamara: Die Sage vom lichten 
Stein 
Diese Märfassung wurde 1908 im Buch «Liechtenstein im Liede» veröffentlicht. Sie belegt das Bedürfnis des Fürstlichen Hauses Liechtenstein, seine Herrschaft auch mythologisch und literarisch zu begründen. Der Patrio- tismus sowie die Identifikation der liechtensteinischen Bevölkerung mit dem Fürstenhaus sollten dadurch ge- stärkt warden. Die bayerische Dichterin Franziska von Hoffnaass (1832–1892) bearbeitete ebenfalls das Sujet der Sage vom lichten Stein. In ihrer historisierenden Ballade weist sie auf den Ort hin, woher der spätere Besitzer des lichten Steines stammte. Sie betonte zudem, es sei «ein Jüngling vom niedern Haus» gewesen.10 
Die Dichterin, zugleich Gattin des aus Liechtenstein stammenden Komponisten Josef Gabriel Rheinberger, greift auf eine historisch fal- sche mythische Urgeschichte des Hauses Liechtenstein zurück. Diese Geschichte soll demgemäss 2000 Jahre zu- rück reichen. Laut ihrer Variante der Sage stammte der Ahnherr der Liechtenstein aus dem Reich der Taurisker, das sich im heutigen Ostalpinenraum (zwischen Kärnten, Steiermark und Slowenien) befunden hatte.11 Er war zwar als privilegierter Freisasse Besitzer eines abgabefreien Guts, aber dennoch unwürdig, eine Tochter aus dem ad- ligen Haus der Eggenstein (bei Karlsruhe, Baden-Würt- temberg) zu heiraten. Nachdem «der Awaren grimmige Schar» das Land verwüstet hatte, entfloh der Jüngling mit seiner Mutter und «verbarg sie in tiefer Schlucht», vermutlich im heutigen Fürstentum Liechtenstein. Dort «griff er zum Spaten» und «zum Pflug». Darüber hinaus wiederholt sich die Geschichte mit der Entdeckung des Edelsteins, wie sie bereits bei Dino Larese beschrieben ist. Doch Franziska von Hoffnaass behandelt das Sujet ausführlicher und fügt der Geschichichte neue Elemente hinzu. Der Bauer bringt den Stein an den Hof des Kai- sers. Die Dichterin gibt dem Kaiser den historischen Na- men «Carol». Es handelt sich dabei eventuell um Karl IV., im 14. Jahrhundert König von Böhmen, oder auch um Ottokar II., Böhmenkönig im 13. Jahrhundert. Letzterer vermachte dem siegreich kämpfenden Heinrich I. von Liechtenstein das mährische Nikolsburg. Franziska von Hoffnaass schrieb in ihrer Version der Sage, der Kaiser habe diesen tapferen Jüngling daraufhin «gen Sachsen» geschickt. Dank der wunderbaren Kraft des Steins sei er am Leben geblieben und habe «die Scharen der Feinde» besiegt.12 
Nach seiner Rückkehr habe Heinrich I. seinen Schatzstein dem Kaiser als Zeichen der Treue übergeben. 
Als Gegenleistung habe Carol den Jüngling zum Ritter von Liechtenstein geschlagen. Eine andere Version der Sage findet sich bei Friedrich Uhlenhut.13 In seinem Text, der keinerlei Quellengabe enthält, wird der Stein – wie auch bei Larese – von einem «schlichten und biederen Landmann» auf seinem Feld gefunden. Analog zur Version von Johann Langer wird auch hier der Stein als «kostbar» und «herrlich» bezeich- net. Der Bauer brachte daraufhin den Edelstein an den Hof des Grafen. Dort wurde entschieden, den «seltenen» und «wundervollen Stein» dem Kaiser zu schenken. «Bei dem Anblicke dieses gar seltenen Kleinodes geriet auch der Kaiser in gewaltiges Erstaunen und er rief: ‹Ja wisst Ihr, mein Lieber, dass Ihr jetzt der Reichste in meinem weiten Reiche seid?›». Der schlichte Landmann beugte daraufhin «seine Knie tief vor dem Kaiser und 
sprach»: «Mein guter und erhabener Kaiser! Da ihr den Wert dieses Steines gar wohl kennt, so mag dem immerhin auch so sein. Im Besitze desselben müsste ich wohl der Reichste sein in Eurem weiten Reiche. Mein Verlangen geht aber nicht nach irdischen Gütern. Ja, ich glaube, ich wäre trotz des grossen Reichtums der ärmste Mann in Eurem weiten Reiche, fehlten mir die innige Liebe zu meinem guten Kaiser und der fromme Glaube an meinen allmächtigen Gott, der da ist der Herr über Alle! Geliebter Kaiser, ich schenke Euch diesen Stein!» Der hier geschilderte Beweggrund des Bauers verdient Beachtung: Er will den Stein nicht aus praktischen Grün- den umtauschen, wie in der Variante von Johann Langer. Hingegen spielt hier die Treue und Ergebenheit – wie bei Franziska von Hoffnaass – eine grosse Rolle. Neu ist hier der Hinweis auf seine Frömmigkeit und Gottesliebe. Wiederum ist die Gnade des Kaisers so gross, dass der Bauer zum Edelmann ernannt wird: «Da sprach der Kai- ser, indem er sich an die den Thron umstehenden Wür- denträger wendete: ‹Sehet da diesen schlichten Land- mann! Der Edelstein, den er in seiner Brust trägt, die innige Liebe zu seinem Kaiser und der fromme Glaube an seinen Gott, er mag ihn nicht preisgeben für alle Gü- ter der Erde! Solange ich solche Untertanen in meinem weiten Reiche habe, will ich Gott danken für die mir in so reichem Masse zugewendete Gnade und keinen, noch so grimmigen Feind fürchten!› Und zum Landmanne gewendet, fuhr er also fort: ‹Ihr aber mein Lieber, der Ihr nur ein schlichter Landmann seid, Ihr habt mir jetzt
        

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