Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
113
Erscheinungsjahr:
2014
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_113/53/
54 Tschaikner Manfred: Die Tobelhocker in 
Liechtenstein 
um jene Handvoll Leute, die einst die Stube des Triesner Pfarrers betraten. In Wirklichkeit galten als «Brenner» alle jene Personen, die sich an den – wohlgemerkt regu- lär von den Gerichten geführten – Hexenverfolgungen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in der Graf- schaft Vaduz und in der Herrschaft Schellenberg, die später zum Fürstentum Liechtenstein vereint wurden, aktiv beteiligt hatten, sei es als Denunzianten, Zeugen, Kläger und/oder als Schergen in amtlicher sowie nicht- amtlicher Funktion. Dieser Personenkreis war gross und umfasste vor allem auch führende Schichten der 
Region. Das schwere Erbe der Tobelhocker Ein zweiter wichtiger Umstand wird in Peter Kaisers «Geschichte des Fürstenthums Liechtenstein» ebenfalls verschwiegen: Die von der Sage überlieferte «Volksjus- tiz» richtete sich nämlich nicht nur gegen die «Brenner», also gegen die Hexenverfolger selbst, sondern auch ge- gen alle ihre Nachkommen bis ins 20. Jahrhundert. Sie zählten ebenfalls zu den Tobelhockern, und zwar schon zu ihren Lebzeiten. Damit wurde das bevorstehende Jen- seits in der Schlucht zu einer ständig präsenten sozialen Kategorie, die mit einer starken Stigmatisierung verbun- den war. Die über Jahrhunderte hindurch belastenden gesell- schaftlichen Auswirkungen der Tobelhocker-Vorstellung bewegten den Pfarrer Johann Baptist Büchel dazu, dass er 1902 in seiner «Geschichte der Pfarrei Triesen» nach der Darlegung des Endes der Hexenverbrennungen in Liechtenstein in gesperrten Lettern den Wunsch äusserte: «Möchte nur auch die Erinnerung daran aus den aber- gläubischen Ideen der Menschen verschwinden!»17 Während sich Pfarrer Büchel damit sehr kryptisch ausdrückte, so dass nur Eingeweihte, also vornehmlich Einheimische, verstehen konnten, was damit gemeint war, erwähnte der Historiker Peter Kaiser 1847 die Exis- tenz von Tobelhockern zu seiner eigenen Zeit erst gar nicht mehr. Dabei liegt aus dem Jahr 1862 sogar ein ge- richtliches Dokument vor, womit sich einige Personen bestätigen liessen, dass sie nicht «in das sogenannte Ge- schlecht der Tobelhocker gehörten»,18 um entsprechende Konsequenzen zu vermeiden. Wie in Kaisers Generation sprach man auch später allgemein kaum über das Phäno- men der Tobelhocker, schon gar nicht mit Auswärtigen. 
Nicht zuletzt dadurch blieb die Präsenz des grauenhaf- ten Jenseits im Tobel im gesellschaftlichen Alltag über viele Generationen hindurch unerschüttert. Es lastete wie ein unvermeidbares Schicksal auf den betreffenden Familien. In Otto Segers Sagensammlung heisst es, dass der Fluch über die Tobelhocker bis in die neunte Generation wirke.19 Rechnet man eine solche als Intervall von dreis- sig Jahren, so kommt man vom Ende der liechtenstei- nischen Hexenprozesse um 1680 etwa in die Mitte des 20. Jahrhunderts, als Seger seine Sagen veröffentlichte. Vermutlich versuchten er oder seine Gewährsleute mit der Angabe von neun Generationen bis zur Aufhebung des Fluchs dazu beizutragen, dass die leidige Angele- genheit ein Ende fand. Diese Unternehmung blieb aber wie manch andere davor mehr oder weniger erfolglos. Bei meinen Feldforschungen konnte ich feststellen, dass die Tobelhocker-Problematik durchaus auch noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aktuell war. Mitt- lerweile jedoch scheint sie sich im Zug der allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen aufgelöst zu haben. Damit hat sie aber immerhin ungefähr 300 Jahre lang das Leben zahlreicher Menschen 
mitgeprägt. Historischer Hintergrund Das Phänomen der Tobelhocker lässt sich nicht erfassen, wenn man sich bei seiner Erklärung allein auf die später verbreitete Sage stützt und meint, es sei als eine kollek- tive Phantasie entstanden, getragen «von einem vagen Haß der Bevölkerung gegen die ‹Brenner› », weil sich die Triesner auf «die Automatisierung der Hexenjagden» keinen anderen Reim mehr zu machen vermochten als jenen der «Verschwörung» einer Handvoll Männer.20 Die Unterstellung einer Verschwörungstheorie greift hier zu kurz, denn die Sage bildete bereits einen Bestandteil der Tobelhocker-Vorstellung. Diese selbst kann nur unter Berücksichtigung der konkreten geschichtlichen Ereig- nisse des ausgehenden 17. Jahrhunderts richtig verstan- den werden. Während die Sage die Entstehung der Tobelhocker gattungstypisch auf ein einfaches Ereignis, eben auf die dargelegte Überrumpelung der böswiligen Häscher durch den mutigen Triesner Pfarrer, reduziert, gestaltete sich die historische Realität wesentlich komplexer. Die
        

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