Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
113
Erscheinungsjahr:
2014
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_113/51/
52 Tschaikner Manfred: Die Tobelhocker in 
Liechtenstein 
Zwischen den Orten Triesen und Balzers im Süden des Fürstentums Liechtenstein mündet eine gewaltige Schlucht ins Rheintal, das Lawenatobel. Dieses weist ne- ben seiner imponierenden naturräumlichen Beschaffen- heit auch eine historisch-ethnologische Besonderheit auf: Es stellt seit Jahrhunderten ein Jenseits spezieller Art dar, eine alpine «Hölle», die auch im Alltag vieler Menschen stets präsent war. Die entsprechenden Vorstellungen bil- den eine unmittelbare gesellschaftliche Nachwirkung der frühneuzeitlichen Hexenprozesse bis in die Gegenwart, zu der bislang nichts Vergleichbares bekannt ist.1 Über die Geschichte der «Tobelhocker» wurde bislang wenig publiziert, obwohl von ihnen schon die Erzählung «Die Hexe vom Triesnerberg»2 von Marianne Maidorf3 aus dem Jahr 1908 handelt und ihnen im 1969 publizier- ten Roman «Die Hexen»4 von Alexander Lernet-Holenia eine zentrale Rolle zukommt. Erst 1995 verfasste erschien Michaela Wanger eine landeskundliche Prüfungsarbeit über die Tobelhocker.5 Zehn Jahre später veröffentlichte der Autor des vorliegenden Artikels erste Ergebnisse sei- ner Erhebungen.6 Die folgenden Ausführungen bilden eine Zusammenfassung des gegenwärtigen Wissensstan- des. Besonderes Augenmerk gilt dabei dem möglichen Vorbehalt, dass die Tobelhocker-Vorstellung keine Kon- tinuität seit dem 17. Jahrhundert aufweise, sondern nur eine gelehrte Erfindung des 18. oder 19. Jahrhunderts darstelle. Von den Tobelreitern zu den Tobelhockern In auffallenden Landschaftsformationen wie Schluchten, Höhlen und Felswänden verorteten die Menschen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit bevorzugt den Auf- enthalt jenseitiger Wesen und deren Zugang zur Welt der Lebenden. Ein bezeichnendes Beispiel dafür bildet etwa der «Unholdenberg» in Götzis, etwa 25 Kilometer rheinabwärts von Triesen. Er ist unter diesem Namen bereits in einem Schriftstück des Klosters St. Johann im Thurtal aus dem Jahr 1421 bezeugt. Damit handelt es sich bei ihm um den am frühesten urkundlich fassbaren «Unholdenberg» im deutschen Sprachraum.7 Seine Benennung verweist auf einen vielschichti- gen Mentalitätswandel, denn der Begriff «Unhold» be- gann erst im ausgehenden Mittelalter, ein Synonym für «Hexe» oder «Hexer» im Sinn von Teufelsanhängern 
darzustellen. Ursprünglich bezog er sich ohne seine ab- wertende Vorsilbe auf wesentlich ältere Vorstellungen von einer «holden Schar», also von nachtfahrenden Frau- engestalten, die bereits um die erste Jahrtausendwende schriftlich bezeugt sind.8 Unter den Holden beziehungs- weise Unholden waren wohl (Toten-)Geister zu verste- hen, die aus ihren Aufenthaltsorten in den Bergen und deren Höhlen ausfuhren und mit den Lebenden in Kon- takt traten.9 In diesem Sinn dürfte sich auch der im südlichen Vorarlberg in der Frühen Neuzeit dokumentierte Begriff «Tobelreiter(in)»10 zunächst auf Natur- oder Totengeister bezogen haben, deren Wirken man noch nicht einseitig negativ bewertete, sondern durchaus ambivalent sah. Erst später wurde der Aufenthalt in den Schluchten nur mehr mit dem schädlichen Wirken von «Hexen» ver- knüpft. In diesem Zusammenhang entstand schliesslich auch die Vorstellung von den Tobelhockern, die es aller- dings nur im Liechtensteiner Oberland gibt. Wie schon ihr Name erkennen lässt, unterschieden sich die «Tobelhocker» von den «Tobelreitern» dadurch, dass sie an ihrem gewöhnlichen Aufenthaltsort in der Schlucht blieben und somit keine unmittelbare Gefahr für die umliegenden Siedlungen darstellten. Nicht im- mer aber scheint man sich dessen ganz sicher gewesen zu sein, denn ein Strang der Überlieferung bringt die so genannten «Wiesenbilder» vor der Lawenaschlucht, zwei kleine Bildstöcke an der alten Landstrasse zwischen Triesen und Balzers, damit in Verbindung:11 
Angeblich hätten die Triesner mit der Errichtung des einen Bild- stocks die Tobelhocker zu erlösen und damit loszuwer- den versucht, was die Balzner zum Bau eines bannenden Gegenstücks veranlasst haben soll, um die befürchtete «Zuwanderung» der Geister in ihr Gebiet zu verhindern. Gewöhnlich hielten sich diese aber unauffällig an ihrem furchtbaren Verbannungsort auf. Nur manchmal wollte man von ihnen, ähnlich wie vom so genannten Nachtvolk, einer anderen Art von Totengeistern, «in stürmischen Nächten aus dem Tobel herauf ein wun- dersames, klagendes Geigenspiel» gehört haben. Einmal im Jahr indes sollten sie es «besonders wüst im Tobel» treiben, und zwar in der Walpurgisnacht, der Nacht vom 30. April auf den ersten Mai,12 
die gemeinhin als «Haupt- fest» der Hexen gilt. Auch diesbezüglich besteht also trotz aller Unterschiede eine gewisse Nähe der Tobelho- cker zum Hexenwesen. Ein weiteres Beispiel dafür, dass
        

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