Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
113
Erscheinungsjahr:
2014
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_113/33/
34 Sonderegger Stefan: Das Liechtensteinische Urkundenbuch digital, Teil 
II 
fügungsfreiheit der Bauern über die ihnen verliehenen Güter barg aber ein Risiko für die Herrschaft. Wurden die rechtlichen Verhältnisse nicht klar geregelt, bestand beispielsweise kaum eine Handhabe gegen Abgabenver- weigerungen. Im schlimmsten Fall konnte es sogar dazu kommen, dass Lehensnehmer die Eigentumsrechte der Herrschaft in Frage stellten.9 
Aus diesem Grund wurde seitens der Lehensherren zunehmend schriftlich gere- gelt, wie im Falle von ausbleibenden Zinsleistungen ver- fahren werden sollte: Blieben zwei Jahreszinszahlungen aus, so konnte das Kloster St. Luzi den Leihenehmern Hans und Claus Vierabend das Rechtsverhältnis aufkün- den und die Güter anderen Leuten verleihen. Genau geregelt wurden auch die Pflichten und ge- genseitigen Rechte. Die Leihenehmer hatten den bau- lichen Unterhalt der Marienkapelle in Triesen zu über- nehmen («unser Frowen Capell ze Triesen mit Gemür und Tach beheben»), und sie mussten sie mit Wachs- kerzen versorgen. Ausdruck der gegenseitigen Rechte ist Folgendes: Die Leihenehmer konnten die Güter ver- pfänden («versetzzen») oder verkaufen, allerdings hat- ten sie dem Kloster ein Vorkaufsrecht zu Vorzugskon- ditionen einzuräumen. Dabei war der Kaufpreis für das Kloster vier Pfund geringer als für Dritte, zudem konnte es sich eine vierwöchige Bedenkzeit ausbedingen. Zu- letzt wurde festgehalten, dass jegliche Handänderung nicht zum Nachteil der Rechte und Abgaben des Klos- ters sein durfte. Damit wird auch klar, dass bei solchen Handänderungen nur die Nutzungsrechte an den Gü- tern und nicht die Güter selbst verkauft wurden. Das Kloster hatte weiterhin die Oberlehensherrschaft und damit das Eigentumsrecht inne, hingegen wechselte mit einer Handänderung der Inhaber der Nutzungsrechte an den verkauften 
Gütern. Wirtschaftliche Kooperationen zwischen Herren   und Bauern Auch wenn die Verhältnisse zwischen Lehensherren und Lehensnehmern herrschaftlicher Art waren, bein- halteten sie viele Kooperationen, die auf gleichen oder ähnlichen Interessen basierten. Dies ist beispielsweise bei Neubelehnungen zu beobachten. Neue Lehensneh- mer waren unter Umständen angewiesen auf Unterstüt- zung, weil Investitionen getätigt werden mussten oder landwirtschaftliche Umstellungen angestrebt wurden. Am 23. Februar 1445 verlieh Wolfhart Brandis an Claus 
Fessli von Malans und dessen Frau einen Acker in Malans mit der Auflage, aus dem Acker einen Weingarten zu machen. Die Umstellung auf Weinbau war im Interesse beider Parteien, denn im Spätmittelalter liessen sich mit Weinhandel Gewinne erzielen. Im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts wurden in vielen Regionen Europas vor dem Hintergrund kommerzieller Interessen landwirt- schaftliche Spezialisierungen auf Weinbau und Vieh- wirtschaft gefördert. Treibende Kraft dahinter war zu einem Grossteil die zunehmende städtische Nachfrage nach Wein, Fleisch und Molkenprodukten.10 
Um dies für Liechtenstein zu untersuchen, gilt es nicht nur die nahen regionalen Zentren Feldkirch, Bludenz und Bregenz ins Auge zu fassen,11 denn auch die grösseren, weiter ent- fernten Städte wie St. Gallen und Chur hatten mit ihrem Versorgungsbedarf einen Einfluss auf die Landwirtschaft Liechtensteins. In der bereits erwähnten Leiheurkunde vom 23. Fe- bruar 1445 wurde festgehalten, dass Fessli den Rebberg sofort anlegen und dass ihm für die nächsten sechs Jahre Zinserlass für diesen so genannten Neubruch gewährt werden sollte. Nach Ablauf dieser Frist hatte er jährlich einen Saum (circa 120 Liter) Wein abzuliefern. Man war sich aber bewusst, dass die Erträge im Weinbau gros- sen, witterungsbedingten Schwankungen unterworfen waren. Deshalb sah der Vertrag vor, dass in Jahren, in denen «nit sovil Win wurd», der geforderte Saum Wein mit einem Geldbetrag in der Höhe eines Pfunds abge- golten werden konnte. Herren berücksichtigten also, dass in der Landwirtschaft unbeeinflussbare Risiken bestanden; deshalb waren sie auch bereit, sich an der Schadenstilgung zu beteiligen, indem sie beispielsweise Abgabenerlasse nach Unwettern gewährten. Derartige von den Herren gegenüber Bauern gewährte Zinsreduk- tionen nach nicht selbstverschuldeten Ertragsverlusten weisen darauf hin, dass Beziehungen zwischen Unterge- benen und Herren oder deren Vertretern bis zu einem gewissen Grad geprägt waren von einer Kultur des Konsenses. Das heisst nicht, dass es harmonische Be- ziehungen waren, denn Konflikte zwischen Herren und Bauern um Abgaben und anderes gab es häufig. Umso wichtiger war die permanente Konsensfindung: Auch 9  Sonderegger, Stefan: Das erste Zinsbuch. Spiegel von Wirtschaft und Gesellschaft im Spätmittelalter. In: St. Katharinen. Frauenklos-
        

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