Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
113
Erscheinungsjahr:
2014
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_113/107/
109 Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein, Jahrbuch Band 113, 
2014 
werden die Schaufenster einschlagen. . . . Es gibt kein Kompro- miss mit diesen Leuten. Passen Sie auf! Ich rate Ihnen! Man ist (kennen Sie das Schicksal der Rotters in Liechtenstein) seines Lebens auch in Salzburg nicht sicher, wenn man sich vorwagt. Verkehren Sie mit Niemandem. . . . Unsere ganze Le- bensarbeit ist – im irdischen Sinne – vergeblich gewesen. . . . Jede Hoffnung ist sinnlos. Diese ‹nationale Erneuerung› geht bis zum äus sersten 
Wahnsinn.»4 Trauerfeier in Chur Die sterblichen Überreste von Alfred und Gertrud Rot- ter wurden am 9. April 1933 im schweizerischen Chur kremiert – obwohl die sogenannte Feuerbestattung nicht der jüdischen Tradition entspricht. Das Krematorium in Chur war 1922 eingeweiht worden.5 
Die Urnen wurden aber höchstwahrscheinlich nicht auf dem Friedhof des Krematoriums beigesetzt. Ein «Grab der Unbekannten» gibt es da erst seit 1942, und im Kremationsbuch steht in der entsprechenden Spalte («Nummer der Urnen-Nische oder Empfangsbestätigung») «Mitg.», was bedeutet, dass dieselben «mitgenommen» wurden – von wem, ist nicht angegeben.6 Bei der Trauerfeier gab es «Orgelspiel durch Frl. Deutsch».7 Wie Hansjörg Quaderer auf Grund des Gästebuchs des «Waldhotels» in Vaduz zeigen kann, wa- ren die beiden Schwestern des überlebenden Fritz Rot- ter, Ella Ullmann-Schaie und Luzie Schaie, am 7. April 1933 aus Berlin angereist, blieben aber nur diese eine Nacht im Hotel.8 Eine Taxirechnung bei den Akten deu- tet darauf hin, dass die Schwestern vermutlich zu den «4 Personen» gehörten, die «nach Chur» gefahren wur- den9 – wie anzunehmen ist: mit Fritz Rotter und Frau Julie Wolff, die am 5. April 1933 ebenfalls mit abgestürzt war und sich dabei Prellungen und Schürfungen zuzog. Im «Bündner Monatsblatt» – «Chronik für den Monat April 1933» – steht zum 9. April folgendes 
geschrieben: «In Chur wurde das Ehepaar Alfred und Gertrud Schaie, genannt Rotter, kremiert, das im Fürstentum Liechtenstein überfallen wurde, sich flüchten wollte, auf der Flucht über eine Felspartie abstürzte und tot liegen blieb. Das Vorkommnis er- regte weit herum grosses Aufsehen.» Das «Amtsblatt» der Stadt Chur listete für den Monat April die Kremation ebenfalls auf, unter dem 9. April. In der Rubrik «Alter», wurde errechnet, dass Alfred Rotter 
46 Jahre, 4 Monate und 21 Tage alt geworden war, und Gertrud Rotter 38 Jahre, 3 Monate und 10 Tage.10 Abklärungen in Liechtenstein, Berlin, Zürich, Basel und St. Gallen ergaben, dass die Urnen dort nicht bei- gesetzt wurden. Die letzte Ruhestätte ist nicht bekannt. Der Prozess gegen einen Teil der Täter, und zwar die Liechtensteiner, begann am 7. Juni 1933 in Vaduz – die nicht-liechtensteinischen, die alle aus Konstanz stamm- ten, waren von Österreich direkt nach Deutschland aus- geliefert worden und kamen dort später mit glimpflichen Strafen 
davon. Fritz Rotters Flucht nach Frankreich Doch bereits etwa zwei Wochen vor Prozessbeginn ver- liess Fritz Rotter Liechtenstein. Er fühlte sich da nach der Spitalentlassung nicht mehr in Sicherheit. Die Aus- reise erfolgte unter grösster Geheimhaltung und gelang 1  Ich danke Rupert Tiefenthaler für die Zusendung dieser Akten betreffend die Einbürgerung: Liechtensteinisches Landesarchiv, LI LA V 4/1931/21; vgl. auch LI LA J 4/A 178/65. 2  Hansjörg Quaderer (Hrsg.): «Jener furchtbare 5. April 1933». Po- grom in Liechtenstein. Mit einer Graphic Novel von Hannes Bin- der. Zürich, 2013; Zitat (übersetzt) aus: «The Times» (6. April 1933), ebenda, S. 4. 3  Vgl. dazu auch die beiden Beiträge des Autors. Peter Kamber: Der Zusammenbruch des Theaterkonzerns von Alfred und Fritz Rotter im Januar 1933. In: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein (JBL). Band 103. Vaduz, 2004, S. 30–46; Peter Kamber: Zum Zusammenbruch des Theaterkon- zerns der Rotter und zum weiteren Schicksal Fritz Rotters. Neue Forschungsergebnisse. In: JBL, Band 106. Vaduz, 2007, S. 73–100. 4  «Jede Freundschaft mit mir ist verderblich». Josef Roth und Stefan Zweig. Briefwechsel 1927–1938 (Hrsg. von Madeleine Rietra und Rainer J. Siegel). Göttingen, 2011, S. 100. 5  «50 Jahre Krematorium Chur». Chur, 1972; mit Dank an Ralf Eggenberger von der Geschäftsstelle des Feuerbestattungsvereins Chur; zum «Grab der Unbekannten», das es seit 1942 gibt, siehe S. 10 ebenda; vgl. auch «Dem Licht entgegen». Festschrift zum 100-Jahr-Jubiläum des Churer Feuerbestattungsvereins. Chur, 2013, S. 50. 6  Mit Dank an Anna Hunger vom Bestattungsamt der Stadt Chur. 7  Liechtensteinisches Landesarchiv, LI LA S 66/43; Rechnung des Feuerbestattungsvereins vom 10. April 1933; sie wurde am 13. April durch Fritz Rotter per Postüberweisung beglichen. 8  Hansjörg Quaderer (Hrsg.), «Jener furchtbare 5. April 1933» (wie Anm. 2), S. 44. 9  Liechtensteinisches Landesarchiv, LI LA S 66/43. 10  Bündner Monatsblatt 1933, S. 157, sowie Amtsblatt; mit Dank an Katarzyna Blawat vom Stadtarchiv Chur.
        

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