Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
113
Erscheinungsjahr:
2014
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_113/101/
103 Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein, Jahrbuch Band 113, 
2014 
von Ragaz.39 Der Bäderkurort und nicht Feldkirch oder Liechtenstein bilde den Angelpunkt des Projekts, indem (Bad) Ragaz «die Hälfte der Geldmittel dazu liefert, an Verkehr, Bevölkerungszahl und ausserdem allen ande- ren Plätzen an der neuen Linie wegen seiner Eigenschaft als Weltkurort mit wenigstens 35 000 jährlichen Gästen überlegen ist». Die Gemeinde, die Kuranstalten und ka- pitalkräftige Private seien sich einig: Ragaz wolle sich «den seit Jahrzehnten gesuchten Vorteil einer direkten Verbindung mit dem Engadin und den übrigen bündne- rischen Hochtälern niemals wieder entreissen lassen».40 Vier Tage später, am 8. Juni 1907, hiess es nochmals in der «NZZ», in sehr zustimmendem 
Ton: «Wir sind nach wie vor überzeugt, dass die geplante Lokallinie wirklich nur ihrem Zwecke, der Schaffung und Bewältigung des Lokalverkehrs, dienen wird. So ist denn vorauszusehen, dass das Konzessionsgesuch bei den Eidgenössischen Räten, denen es dem- nächst vorgelegt werden wird, eine gute Aufnahme finden wird».41 Diametral anders wiederum argumentierte ein Korres- pondent der «Neuen Zürcher Zeitung» am 28. November 1907. Dieser bezeichnete das von Alfred Laubi, dem Di- rektor der Schweizerischen Südostbahn (SOB), erstellte 
Gutachten abfällig als «Broschürchen», dessen einziger Zweck es sei, «Stimmung für das Projekt zu machen»; es gehe hier effektiv um «die Verkehrsablenkung von den Bundesbahnen», und da müsse eben berücksichtigt wer- den, «dass die Rhätische Bahn ihre direkten Wagen von und nach Davos und ins Engadin selbstverständlich bis und ab Schaan laufen lassen wird».42 Der erste Weltkrieg als Projektkiller Die Sache zog sich hin. Noch hofften die Initianten auf eine einvernehmliche Lösung und setzten auf den neuen Departement-Vorsteher, Bundesrat Ludwig Forrer. Das Eisenbahndepartement wurde mit weiteren Berechnun- gen eingedeckt. Die Antworten aus Bern liessen keinen Zweifel offen über die unnachgiebige Haltung der Ei- senbahn-Abteilung. Man kommt auf Grund des Schrift- wechsels nicht umhin anzunehmen, das Eisenbahnde- partement habe in Hinhaltetaktik gemacht. In dieser Zeitspanne standen wichtige eisenbahnpoli- tische Probleme an: Die Lösung der Ostalpenbahnfrage, der Bau einer zweiten Tunnelröhre durch den Simplon und die Elektrifizierung des SBB-Netzes. Schliesslich sorgte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs für den defi- nitiven Marschhalt. Im Oktober 1915 empfahl das Eisen- bahndepartement gegenüber dem Präsidenten des Initi- ativkomitees, Kantonsrat und Hotelier Fridolin Simon in (Bad) Ragaz, «angesichts dieser Verhältnisse» den Rück- zug des Konzessionsgesuches. Weil Simon nicht antwor- tete, wurde der Ton aus Bern deutlicher, doch der Präsi- dent des Initiativkomitees gab sich standhaft taubstumm. Im Mai 1916 setzte ihm das Eisenbahndepartement per Einschreibebrief eine Frist bis zum 10. Juni, sonst werde man die Eisenbahnkommission der eidgenössischen Räte in Kenntnis setzen. Weil sich Fridolin Simon im- mer noch verweigerte, wurde das Geschäft schliesslich 36  «NZZ», 1. Dezember 1905, Nr. 333, Erste Beilage. 37  «NZZ», 22. März 1906, Nr. 81, Zweites Morgenblatt. 38  «NZZ», 4. Juni 1907, Nr. 153, Zweites Morgenblatt. 39  1937 wurde die politische Gemeinde Ragaz in Bad Ragaz umbe- nannt. 40  «NZZ», 4. Juni 1907, Nr. 153, Zweites Morgenblatt. 41  «NZZ», 8. Juni 1907,  Nr. 157, Zweites Morgenblatt. 42  «NZZ», 28. November 1907, Nr. 330, erstes 
Morgenblatt. 
Den Nachbarn nicht als Luft behandeln Die Hoffnungen waren gross gewesen im Fürstentum Liechtenstein, die Enttäuschung über die Haltung der Schweiz wiegte umso schwerer. Das «Liechtensteiner Volksblatt» kommentierte bereits am 26. Januar 1906, das heisst noch vor der bundesrätlichen Kehrwende: «Es ist zu hoffen, dass der Bundesrat und die National- versammlung nicht den engen geschäftlichen Stand- punkt der Bundesbahnen einnehmen, sondern sich im allgemeinen Verkehrsinteresse von höheren und moderneren Gesichtspunkten leiten lassen werden . . . Endlich müsste es offenbar als ein Akt der Unfreund- lichkeit gegen das benachbarte kleine Liechtenstein aufgefasst werden, wenn uns durch eine ablehnende Entschliessung der Schweiz die noch einzig bestehende Möglichkeit, eine Eisenbahn zu bekommen, vereitelt würde». Der Kommentator schloss mit der Hoffnung, dass sich die Schweizer Politik weitherzig zeige «und das kleine Land, welches als friedlicher Nachbar bisher stets die besten Beziehungen zur Schweiz unterhalten hat, nicht als Luft behandle».
        

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