Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
112
Erscheinungsjahr:
2013
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_112/78/
77 Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein, Jahrbuch Band 112, 201325 
Vgl. die Beispiele bei Le Goff, Geburt, S. 115. 26  Ebenda, S. 442–446. Zur Kritik an Le Goff vgl. zum Beispiel Weg- mann, Weg, S. 2. 27  Einen Überblick über die Jenseitsvorstellungen in der frühmittel- alterlichen Visionsliteratur gibt Gurjewitsch, Darstellung. 28 Vgl. dazu die Beiträge bei Erhart, Bücher, S. 13–150. 29  Auch Frauenklöster führten ‹Verbrüderungsbücher›! Vgl. etwa Butz, Liber. 30  Vgl. dazu Zettler, Visio, wo die Verbindung zwischen dem To- tengedenken und den Jenseitsvisionen des frühen Mittelalters aufgezeigt wird. 31 Von Euw, Liber. Vgl. die Abb. auf Seite 76 im vorliegenden 
Buch. 
chern wollten.30 Das schönste noch erhaltene frühmittel- alterliche Verbrüderungsbuch stammt übrigens aus dem Kloster Pfäfers. Der 
Liber viventium Fabariensis aus dem 9. Jahrhundert gilt als das wichtigste Zeugnis der rä- tischen Buchkunst.31 
Auch Papst Gregor der Grosse, der in seinen Predigten wiederholt über Erscheinungen von Verstorbenen be- richtete, wies diesen noch keinen konkreten Aufent- haltsort in einer ‹Jenseitstopographie› zu. Nach Gregor konnten die Seelen ihre Busse bisweilen sogar als ‹Wie- dergänger› auf der Erde tun.25 Die Seelen in Gregors Pre- digten wiesen aber stets eindringlich auf die Nützlichkeit der Fürbitten der Lebenden hin, vor allem in Form von Messfeiern. Durch sie konnten die Verstorbenen frühzei- tig von ihren Strafen erlöst werden. Die antiken Kirchenlehrer hatten also das Fegefeuer noch nicht als klar umrissenen ‹dritten Ort› im Jenseits konstituiert. Erst die Theologen des Hochmittelalters sy- stematisierten die Gedanken der Kirchenväter. Nach Jac- ques Le Goff erscheint das Substantiv 
Purgatorium – und damit das Fegefeuer als konkreter, lokalisierbarer Ort – erst ab dem 12. Jahrhundert in der theologischen Litera- tur.26 
Die Aufteilung des Jenseits in Himmel (als Lohn für die «sehr guten Christen»), Hölle (als Strafe für die «sehr schlechten [Christen]») und Fegefeuer (als Läuterungsort für die «nicht gerade sehr schlechten [Christen]») ent- sprach nicht nur den Vorgaben der Kirchenväter (Augu- stinus), sondern liess sich auch sehr einfach vermitteln. Sie fand in der mittelalterlichen Bevölkerung schnell ei- nen grossen Zuspruch. Insbesondere in den Klöstern, wo die Werke der Kir- chenväter rezipiert wurden, kannte man das ‹reinigende Feuer› und die Erscheinungen der Armen Seelen aus dem Jenseits natürlich schon im Frühmittelalter.27 Die Klöster entwickelten daher schon früh spezifische Formen eines personenbezogenen Totengedenkens.28 Sie hielten die Namen ihrer Konventmitglieder, aber auch die Namen der Konventualen von befreundeten (‹verbrüderten›) Klöstern in Büchern fest und bauten ihr Gedenken in die Liturgie ein – denn dieser war ja bereits von den Kir- chenvätern eine besondere Erlösungskraft beigemessen worden. ‹Verbrüderungen› von Klostergemeinschaften zum Zweck des gegenseitigen beziehungsweise gemein- samen Totengedenkens machten durchaus Sinn, denn je mehr Mönche und Nonnen29 sich zusammenschlossen, um für die Verstorbenen zu beten, desto grösser musste auch der Erfolg sein. In den klösterlichen ‹Verbrüde- rungsbüchern›, die als 
Libri vitae (Bücher des Lebens) be- zeichnet wurden, finden sich jeweils auch Eintragungen von Laien, insbesondere von hochgestellten weltlichen Persönlichkeiten, die sich ein liturgisches Andenken si- Kapitel_2_Kuratli.indd   7711.06.13   15:44
        

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