Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
112
Erscheinungsjahr:
2013
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_112/136/
135 Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein, Jahrbuch Band 112, 201365 
 Marxer 1994, S. 182–185. Tages-Anzeiger, 6. März 1971, Liechten- steiner Vaterland (Kurzbeleg: LVaterland), 9. März 1971. 66  Gemeint war der deutsche Schüler Hugo Eberhardt aus Tettnang, damals als Internatsschüler und Maturand am LG. 67 wir, Mai (?) 1971, S. 8. 68 Marxer 1994. 69 Banzer 1987, S. 70; LVaterland, 16. Januar 1973. 70  Gisel, Ernst: Die Schulanlage aus der Sicht des Architekten. In: Festschrift zur Einweihung des Schulzentrums Liechtensteini- sches Gymnasium Realschule Vaduz. Vaduz 1973, S. 15–41. 71  Siehe etwa LG Vaduz, Jahresbericht 1968/69. Vaduz Mai 1969, bis Jahresbericht 1971/72. Vaduz, Juni 1972. 72  Quintern, Henry: Das Schulhaus als Motiv am Liechtensteini- schen Gymnasium. Festschrift. Vaduz, 1990. 73  Loderer, Benedikt: Architekturführer Liechtenstein. Vaduz, Zü- rich, 2002, S. 
13–14. 
blierte: Auf den Titelbildern der offiziellen Jahresschul- berichte des LG seit 196871 setzt sich das Projekt «Blume» fest – vom Architekturmodell des ersten Wettbewerbs- entwurfs bis zum entstehenden Gebäudekomplex. Auch nach Inbetriebnahme des neuen Schulzentrums wirkte dessen Architektur als ästhetisches Emblem und Lern- milieu nach, blieb Anknüpfungspunkt für Kunsterzie- hung,72 
Jubiläumsbroschüren und nicht zuletzt spätere Erweiterungsbauten. Es war kein/e Fachhistoriker/in, sondern der Schwei- zer Architekturkritiker Benedikt Loderer, der den Neu- bau des Landesgymnasiums erstmals als kulturellen Bruch wertete. Loderer hat mit einer «Landwanderkarte» 1990 begonnen, liechtensteinische Bauten des 20. Jahr- hunderts in ihrer kulturhistorischen Lesbarkeit ernst zu nehmen; als Zeichen bestimmter Haltungen und Verän- derungen in der Wahrnehmung und Nutzung des loka- len Siedlungsraums. Zum LG-Neubau des Architekten Ernst Gisel schreibt Loderer (Hervorhebung durch den Verf.): «Noch einmal anders liesse sich die Geschichte schildern, wenn man die unkorrekte Frage stellt: Was ist Liechtenstein? Eine Kette von Dörfern, eine Agglomeration, eine zeitgemässe Stadt? Die Schulhäuser geben auch hier eine Antwort. Bis zu Ernst Gisels Gymnasium reagieren sie in den Formen und Kon- zepten auf die Veränderungen der Gesellschaft, doch bleiben sie alle Dorfschönheiten. Das Gymnasium gehört zu einer andern Ordnung, zur landesweiten, ja international-deutschsprachigen. Der Wechsel von den Marianern [dem Orden der Maristen- Schulbrüder als Schulleiter, d. Verf.] zu den staatlich beamteten Lehrpersonen ist mehr als eine Reform, es ist ein Bruch.»73 
Schüler-«Protestmarsches» vom 5. März 1971 ein in den lokalen und überregionalen Medien wahrgenommener Skandal.65 In der Berichterstattung, aber auch in Leser- zuschriften trat eine grössere gesellschaftliche und kul- turelle Dimension des Konflikts um die Frauengleich- berechtigung an die Oberfläche. In einer anonymen Zu- schrift an die Schülerzeitung «wir» war zu lesen (Zitat in der Kleinschrift des «wir», d. 
Verf.): «unterlässt solche scherze betreffend frauenstimmrecht. ihr macht doch nur noch alles schlimmer. Warum unterzeichnet eigentlich der eberhardt?66 
der soll doch ins reich abhauen ... unsere frauen sind doch emanzipiert genug. haben sie nicht alles was sie wollen? frauen anderer staaten wären froh darüber, wenn sie in liechtenstein wohnen dürften oder könnten und nicht zur urne schreiten müssten. im übrigen fehlt euch studenten jegliche erfahrung, das leben lang studiert ihr, hascht ihr und sicht [sic!] schlussendlich noch im lsd-rausch erholung.»67 Im Erleben der unmittelbar Beteiligten, insbesondere für die erste Generation der Aktivistinnen und Aktivisten für das Frauenstimmrecht, gewannen die Proteste 1971 aufgrund der durch sie offenbar gewordenen gesell- schaftlichen Gewalt die Qualität traumatischer Schlüssel- ereignisse. Über derart bewegende Vorgänge liess sich die Geschichte patriarchaler und fremdenfeindlicher Verhaltensmuster in Liechtenstein erinnern und analy- sieren. In der liechtensteinischen Geschichtsschreibung erfolgte dies zum ersten Mal durch die Historikerin und Frauenstimmrechtsaktivistin Veronika Marxer aus An- lass des zehnjährigen Jubiläums des nationalen Frauen- stimmrechts 1994.68 Der Gewohnheitsbruch im Falle des Neubaus des «LG», «Liechtensteins grösstes Bauwerk für die Bil- dung»,69 erscheint demgegenüber weniger spektakulär, ja zustimmungsfähiger. Er entsprach immerhin den Am- bitionen der offiziellen zentralisierten Bildungspolitik, welche für die absehbaren und erwünschten höheren Absolventenzahlen aus dem Gymnasium den adäquaten modernen Schulbau plante. Im Wettbewerbsprojekt «Blume» des Züricher Archi- tekten Ernst Gisel wurden die Modernisierungswünsche der politischen Entscheidungsträger und der Schullei- tung in ein komplexes, städtisch anmutendes Raum- programm70 
übersetzt. Das neue LG war anschauliche Modernität, deren bauliche Gestalt sich rasch als neues Leitbild für die Selbstdarstellung des Gymnasiums eta- Kapitel_5_Schremser.indd   13511.06.13   15:47
        

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