Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
112
Erscheinungsjahr:
2013
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_112/129/
128Schremser Jürgen: «I like Gerard» oder «Freddy for 
ever» 
– Kino, Tageszeitungen, Radio- und zusehends auch Fernsehempfang – in Liechtenstein präsent. Über Unter- haltungsmedien und Jugendmode kamen auch die Po- sen und Protestformen einer anderen, einer «new kind of generation»35 
in den heimischen Umlauf. Vor diesem Hintergrund können sowohl die lokale Rezeption der internationalen Jugendkultur als auch die lokalen Ausprägungen und Auswirkungen der kulturel- len Aufbrüche in Liechtenstein seit den 1960er Jahren näher untersucht werden. 
Der eben geschilderte Befund kennzeichnet die wider- sprüchliche kulturelle Ausgangslage, das Wohlfahrts- und Sittenbild der liechtensteinischen nationalstaatli- chen Provinz. Dies gilt freilich nicht erst für die 1960er Jahre. Was macht gerade diese Phase untersuchenswert? Die Geburtswehen eines sozialen und ökonomischen Wandels, der letztlich die gesamte agrarisch geprägte Kultur des Landes erfassen sollte, waren bereits seit den 1930er Jahren spürbar. Vor einem heraufziehenden «Neokapitalismus» warnten 1946 die Pfadfinder. Regie- rungschef Alexander Frick verfolgte die Angst vor einer «Verproletarisierung» durch eine wachsende Industrie und den Zuzug ausländischer Arbeitskräfte.29 Die Ver- ankerung in einem durchaus völkisch verstandenen Liechtensteinertum, ebenso wie die Anbindung an die christliche Tradition, zu der die LAG bei ihrer Grün- dung 1951 aufrief,30 waren Antworten auf einen deut- lich empfundenen und materiell durchaus begrüssten Wandel. Der ökonomische Aufschwung war vor dem Hintergrund der überstandenen Krisen- und Kriegsjahre ein Fortschritt. Als Verlust und Zerrissenheit erfahren wurde der neue «Wohlstand» anhand der sichtbaren dörflichen Veränderungen,31 der Verunsicherungen im Bereich des kulturellen Selbstbilds32 und der Wertvor- stellungen; herausgefordert wurde eine Politik, die für die internationale Öffnung des Landes und den Weg in eine nachagrarische Bildungsgesellschaft neue Konzepte finden musste. Während man sich in den 1950ern noch mit der Vorstellung des selbstversorgenden Bauern, der wochentags als Industriebeschäftigter sein Geld verdient, beruhigte33 
und den Liechtensteiner/die Liechtensteine- rin als traditionsfest im Wandel sah,34 ging im Laufe der 1960er Jahre die Infrage-Stellung kultureller Gewohn- heiten ans Eingemachte. Dazu zählten insbesondere der weitgehende Einfluss der katholischen Kirche auf Be- lange des Staates und die patriarchale Ordnung von Po- litik und Öffentlichkeit: Sowohl die politische Ausgren- zung von Frauen als auch die kirchliche Aufsicht über das öffentliche Schulsystem wurden in den 1960er Jah- ren zu Gegenständen gesellschaftlicher Diskussion und politischer Reformvorhaben. Zu den Folgen und Fragen des Strukturwandels trat in jenem Jahrzehnt ein Zusätz- liches: das Heranwachsen einer «Nachkriegsjugend», die über die erweiterten Konsum- und Freizeitsphären An- schluss an Idole und Idiome der internationalen Jugend- bewegungen fand. Diese waren nicht nur massenmedial Kapitel_5_Schremser.indd   12811.06.13   15:47
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.