Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
112
Erscheinungsjahr:
2013
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_112/125/
124Schremser Jürgen: «I like Gerard» oder «Freddy for 
ever» 
gen auf die Strasse. Unter den jugendlichen Beobachtern des Protests war auch der 25-jährige Liechtensteiner Norbert Jansen, seit 1967 Student der Deutschen Journa- listenschule in München. Für eine Beilage im Münchner Abendblatt, der Boulevard-Ausgabe der Süddeutschen, verfasste Jansens Lehrredaktion eine Doppelseite über die Protestaktionen gegen die Zeitungen des Axel-Sprin- ger-Verlags.7 
In Vaduz wurde Jansens journalistische Be- gabung ebenfalls in Anspruch genommen; er ist freier Mitarbeiter des Liechtensteiner Volksblatts und schreibt für die Pfadfinderzeitung «Die Jugend». Der Polit-Sketch am Ostermontagabend 1968 stammt aus seiner Feder.8 Liechtenstein war von den deutschen Dimensionen und Voraussetzungen des ausserparlamentarischen Pro- tests weit entfernt und doch sind seine Formeln, Gesten und Zeichen am Ort präsent. Auf dem Transparent der beiden Pfadfindermanifestanten steht «Wir fordern Mei- nungsfreiheit», dem Ansager des Abends richten sie im Dialekt aus, dass jetzt Schluss sei mit eurer «program- miarta freia Mänig». Auf den spiegelverkehrt angebrach- ten Protestknöpfen der beiden Laiendarsteller steht: «I like Gerard» (Herr Rot) und «Freddy for ever» (Herr Schwarz).9 Manches rückt auf der Rathausbühne zeichen- haft und leibhaftig zusammen: Dorf und Weltgeschehen, Selbstgemachtes und Selbstbewusstes als politisches Kabarett,10 Mundart und das englische Idiom von Pop und Protest. Solche und andere Szenen einer Jugend auf dem Lande sind im Zuge des vorliegenden Forschungs- 
Rathaussaal Vaduz, Ostermontag 15. April 1968. Un- terhaltungsabend der Pfadfinderschaft Vaduz. Auf der Bühne agieren die beiden jungen Männer Kurt Quaderer (22) und Josef Biedermann (23) als die Herren «Schwarz» und «Rot» in schwarzem bzw. rotem Skileibchen. Sie nehmen gerade die beiden traditionellen Volksparteien auf die Schippe. Im Jahrzehnt der 1960er regieren – ohne Unterbrechung seit 1928 – die «Schwarzen» von der Fortschrittlichen Bürgerpartei (FBP), seit 1938 in ei- ner Koalition mit den «Roten» von der Vaterländischen Union (VU). «Schwarzer» Regierungschef ist seit 1962 der Jurist Gerard Batliner,2 stellvertretender Regierungs- chef und «roter» Gegenspieler ist Alfred («Freddy») Hilbe.3 Obgleich beide eine Verjüngung in den liech- tensteinischen Parteispitzen verkörpern,4 
nimmt die Pfadiparodie gerade das Immergleiche und Rituelle ei- ner koalitionären Machtteilung in der kleinstaatlichen Demokratie aufs Korn. «Rot» und «Schwarz» parodieren deren Enge im politischen Look der Zeit, ausstaffiert mit Meinungsbuttons und Transparent, den Requisiten einer internationalen Protestkultur. Letztere hatte an jenem 15. April, vier Tage nach dem Attentat auf den westdeutschen Studentenführer Rudi Dutschke,5 mit den «Osterunruhen» gerade einen weiteren Höhepunkt erreicht. Mit Demonstrationen und Ausschreitungen in 26 Städten der Bundesrepublik Deutschland (BRD).6 Zu den Protestierenden zählen nicht nur Studierende, auch Angestellte und Arbeiter, Schülerinnen und Schüler gin- Regierungschef Gerard Batliner (rechts) mit Galerist Albert Haas bei der Vernissage des Malers Ernst Fuchs (mit Mütze), Vaduz 10. Juli 1968.Vizeregierungschef 
Alfred Hilbe mit Marc Chagall im Engländerbau in Vaduz 1968. Kapitel_5_Schremser.indd   12411.06.13   15:47
        

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