Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
111
Erscheinungsjahr:
2012
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_111/72/
70Arnegger Katharina: Vaduz und Schellenberg unter der Herrschaft der Reichsgrafen von Hohenems 
(1613–1699/1712) 
Im Folgenden referiere ich hier in Kürze die Gescheh- nisse aus dem Artikel «Die Hohenems im tiefen Fall», den ich gemeinsam mit Friedrich Edelmayer 2011 verfasst habe:52 Ferdinand Karls Regierungszeit begann also be- reits mit einem grossen, von seinen Vorvätern geerbten Schuldenberg. Die am Anfang des 17. Jahrhunderts so prosperierende Familie war nun in der zweiten Hälfte desselben Jahrhunderts beinahe auf ihrem Tiefstand angelangt. Immer noch hochangesehen im Heiligen Rö- mischen Reich wegen der Heldentaten ihrer Vorfahren, galten die Hohenems bei ihren Untertanen im Rheintal und vielen anderen einflussreichen Familien in Grau- bünden sicherlich nicht allzu viel. Zwar verheirateten die Salis und die Wolfegg ihre Töchter immer noch mit den Hohenems, aber offensichtlich gab es zu dem Zeitpunkt kein Familienmitglied, dass einen neuerlichen Aufstieg herbeiführen konnte, denn auch der Erbe in Hohenems, Graf Franz Karl Anton von Hohenems (1650–1713), er- langte durch seinen schlechten Lebenswandel und den Verkauf der Einrichtung des Palastes Hohenems traurige Berühmtheit.53 Zu den hohen Schulden kamen weitere Kriege mit allen daraus resultierenden Konsequenzen hinzu. In diesem Zeitraum gab es ununterbrochen Konflikte mit Frankreich und gleichzeitig den Osmanen. Kriege, die das Heilige Römische Reich veranlassten, noch höhere Reichssteuern zu fordern. Trotzdem konnte in Vaduz und Schellenberg weiterhin nicht am Schnitz-Vertrag von 1614 gerüttelt werden. Zusätzlich mussten sich die Hohenems am stehenden Heer des Schwäbischen Reichskreises beteiligen in Form von Geld, Quartie- ren und Leuten.54 Allein dafür lieh sich Ferdinand Karl 10’500 Gulden.55 Ziemlich früh zeichneten sich die er- sten groben Konflikte mit den Untertanen ab, die Fer- dinand Karl durch ungebührliches Benehmen bei vielen Gelegenheiten hervorrief. Offensichtlich machte es ihm Freude, seine Mitmenschen zu verärgern und zu provo- zieren. Dabei machte er auch so lange vor Geistlichen nicht halt, bis sich der Bischof von Chur an ihn wandte. Denn Ferdinand Karl hatte einem seiner Priester bei ei- ner Gelegenheit die Pistole an die Brust gesetzt. Ausser- dem fluchte er in Gegenwart von Geistlichen, indem er Gott lästerte und sich selbst dem Teufel mit Leib und Seele anbot. Auch soll er einem Priester den Rosenkranz entrissen und zu Boden geworfen haben. Obwohl der Bischof Ferdinand Karl an dessen Verwandtschaft mit 
Schadlosbrief in der Höhe von 800 Gulden, die ihnen die inzwischen verstorbene Gräfin Eleonora Katharina ausgestellt hatte, hatte Karl Friedrich vor ihren Augen überhaupt zerrissen. Hinzu kamen noch Klagen über ungerechtfertigte Frondienste.46 Inzwischen waren die Vaduzer Untertanen so enttäuscht vom Vormund ihres künftigen Landesherrn, dass sie den Regierungsantritt Ferdinand Karls herbeisehnten.47 Ferdinand Karl selbst blieb nicht untätig. Er verfolgte nun hartnäckig die Idee, sich zu verheiraten, um auf die- sem Weg rascher seine Volljährigkeit und gleichzeitig die Regierung in den beiden Territorien zu erreichen. Er heiratete im Mai 1674 Gräfin Maria Jakobine von Wald- burg-Wolfegg, die nicht nur um fünf Jahre älter, sondern auch mittellos war, gegen den Willen seines Onkels Karl Friedrich.48 Dieser entliess ihn bereits 1673, noch vor seinem 25. Geburtstag, in die Volljährigkeit, nachdem er erkannt hatte, dass alle weiteren Erziehungsversuche nichts mehr nützen würden.49 Ab diesem Zeitpunkt war Ferdinand Karl verpflichtet, von den Einkünften aus Va- duz und Schellenberg Unterhalt für seine Geschwister zu bezahlen.50 Die Regierung des Grafen Ferdinand Karl Franz von Hohenems von 1675 bis 1686 Selbstständig regieren konnte Graf Ferdinand Karl Franz von Hohenems eigentlich nur fünf bis sechs Jahre. Ein re- lativ kurzer Zeitraum, der aber für das bereits hoch ver- schuldete Haus Hohenems-Vaduz den endgültigen Ab- stieg und Ruin bedeutete. Geprägt wurden diese wenigen Jahre durch viele Hexenprozesse und das zügellose Le- ben des Grafen selbst. Die Prozesse wurden in den letzten Jahrzehnten in der Forschung bereits sehr genau aufgear- beitet. Otto Segers Arbeiten geben einen guten Überblick über die Hintergründe und Abläufe. In den vergangenen Jahren wurde dieses Forschungsdesiderat auch von Man- fred Tschaikner aufgegriffen, dessen Forschungsschwer- punkt die Hexenverfolgung ist. Während Seger auf die Problematik der für die Grafen von Hohenems so teuren Winterquartiere als Hauptverursacher der Hexenpro- zesse und die daraus resultierende Vermögenskonfiska- tionen der Untertanen eingeht, untersucht Tschaikner auch die Rolle der Stände und der verschiedenen geist- lichen Orden, wie der Jesuiten und Kapuziner.51 Kapitel_3_Arnegger.indd   7022.10.12   12:16
        

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