Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
111
Erscheinungsjahr:
2012
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_111/53/
51 Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein, Jahrbuch Band 111, 
2012Überwindung 
des Konfessionalismus in Europa war. Die katholischen Dynastien der Habsburger und Bourbonen standen in ererbter Feindschaft gegeneinander und die protestantischen Seemächte bildeten das sprichwörtliche Zünglein an der Waage. Dies war die neue Konstellation in Europa, die sich in der Auseinandersetzung mit der Machtpolitik Ludwigs XIV. herausgebildet hatte. Eine solche Bündniskonstellation hielt jedoch nur so- lange, wie auf habsburgischer Seite zwei Erzherzöge als Akteure auftraten – der eine als Kaiser des Heiligen Rö- mischen Reichs in Wien und der andere als spanischer König, letzterer vorerst allerdings nur in Barcelona. Karl III. fand als König von Spanien nachhaltige Unterstüt- zung nämlich nur in Katalonien, während sich in Kasti- lien der bourbonische Anwärter Philipp V. durchsetzen konnte. Der Krieg wurde so auch in das spanische Kern- land und zur See in das westliche Mittelmer getragen, wo die britische Flotte für die Haager Allianz kämpfte. In Süddeutschland und Westdeutschland waren die Kurfürsten von Bayern und Köln, zwei Brüder aus dem Haus der bayerischen Wittelsbacher, Verbündete König Ludwigs XIV. Deswegen fand der Krieg gleich zu Beginn an Donau und Rhein statt. Kurfürst Max Emanuel von Bayern griff das Haus Habsburg nicht nur in Schwaben, sondern auch in Tirol an. Die Mehrzahl der deutschen Reichsstände unterstützte jedoch den habsburgischen Kaiser. Über die beiden wittelsbachischen Kurfürsten wurde die Reichsacht verhängt. Nach dem alliierten Schlachtensieg bei Höchstädt beziehungsweise Blind- heim an der Donau 1704 – in der Nachbarschaft von Dillingen − wurde Bayern von österreichischen Truppen besetzt und die beiden wittelsbachischen Kurfürstenbrü- der mussten an den Hof des Sonnenkönigs fliehen. Der Regensburger Reichstag erklärte den Reichskrieg gegen Frankreich und die vorderen Reichskreise Schwaben, Franken, Oberrhein und Kurrhein organisierten sich als Kreisassoziation unter Führung des Erzbischofs und Kurfürsten von Mainz zur Sicherstellung der Reichsver- teidigung am Oberrhein. Lothar Franz von Schönborn, Erzbischof und Kurfürst von Mainz und Fürstbischof von Bamberg, trat als Reichserzkanzler und engagierter stän- discher Reichspolitiker hervor. Dank dem Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden-Baden, der wegen seiner Siege im Türkenkrieg den Beinamen «Türkenlouis» trug, gelang es, am Schwarzwald und im Kraichgau die West- grenze des Reichs durch ein befestigtes Liniensystem 
nen den Bestand der Dynastie auch über das Ende des spanischen Zweigs der «casa d’Austria» hinaus zu garan- tieren. Durch den Schwund der Familie waren weitere habsburgische Verwandtenehen jetzt auch nicht mehr möglich – jenes Connubialverhalten, mit dem die «casa d’Austria» ihre dynastische Exklusivität unterstreichen wollte, aber tatsächlich ihren biologischen Niedergang befördert hatte. Die Eheschliessungen mit deutschen Fürstentöchtern, zunächst Pfalz-Neuburg, dann im Falle von Joseph I. und Karl VI. zweimal Welfinnen, retteten die Familie der Habsburger schliesslich auch über das Aussterben im Mannesstamm hinweg, indem gesunde und lebensfähige Nachkommen geboren wurden. Die Frage des bloss männlichen Erbrechts stellte sich nach dem frühen Tod Kaiser Josephs I., Vater zweier Töchter, jedoch mit Nachdruck. Weder das Reichsrecht noch die habsburgische Familientradition und das Hausrecht sa- hen hier eine Lösung vor. Nach dem Tod Karls II. von Spanien erhob Ludwig XIV. den Anspruch auf das ungeteilte spanische Erbe zugunsten seines zweiten Enkels Philipp von Anjou. Dafür konnte er sich auf den letzten Willen des ver- storbenen spanischen Königs und die Unterstützung der kastilischen Granden stützen. Spanien und Frank- reich sollten staatlich getrennt bleiben, in Madrid eine eigene, jüngere Linie des Hauses Bourbon begründet werden. In Wien wurde demgegenüber – fast spiegel- bildlich − für den zweiten Sohn Leopolds I., Erzherzog Karl, ebenfalls das ungeteilte spanische Erbe gefordert. Dieser Anspruch wurde von den Seemächten England und Holland unterstützt, die Ludwig XIV. als den Stö- rer des europäischen Gleichgewichts und Betreiber der französischen Hegemonie über den Kontinent ansahen. Wilhelm III. von Oranien-Nassau, der König von Eng- land (gemeinsam mit seiner Gattin Maria Stuart) und Generalstatthalter der Niederlande, war der Hauptkon- trahent Ludwigs XIV. und der Architekt der Grossen Allianz von Den Haag mit dem habsburgischen Kaiser in Wien. Bemerkenswert ist, dass diese Haager Allianz die Konfessionsgrenze überwand, obwohl Leopold I. als Katholik und Wilhelm III. von Oranien-Nassau als Re- formierter jeweils dezidierte Vertreter ihres religiösen Bekenntnisses blieben. Die Staatsräson im Zeichen ei- ner antihegemonialen Gleichgewichtspolitik gegen das übermächtige Frankreich führte die beiden jedoch zu- sammen – was ein wichtiger Faktor zur Begrenzung und Kapitel_2_Schindling.indd   5122.10.12   12:31
        

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