Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
111
Erscheinungsjahr:
2012
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_111/49/
47 Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein, Jahrbuch Band 111, 
2012mehr 
als sechzig Jahre zurückliegenden Dreissigjährigen Krieges steckte den Menschen als die Kriegserfahrung der Grosseltern noch «in den Knochen». Auch jetzt wie- der wurde der Krieg vielfach als Strafe Gottes wahrge- nommen, die Verschonung vor dem Schlimmsten als Wunder und Wohltat himmlischer Helfer gefeiert. Der «Krieg der kleinen Leute» unterschied sich grundsätzlich vom Krieg der Monarchen, Feldherren und Kabinette. Das Zeitalter des Absolutismus zeigte sich auch in der Fremdheit und Trennung der Sphären von Politik und aktivem Entscheiden einerseits sowie Gesellschaft und passivem Erleiden andererseits. Von den beteiligten Mo- narchen zog aber keiner mehr selbst als Feldherr an der Spitze seiner Truppen in den Krieg – so wie gleichzeitig noch König Karl XII. von Schweden, der den Grossen Nordischen Krieg östlich und südlich der Ostsee führte, sich aber einer Verbindung «seines» Kriegs mit dem synchronen Krieg um das spanische Erbe verweigerte. Mit dem Spanischen Erbfolgekrieg von 1701 bis 1714 und dem Grossen Nordischen Krieg von 1700 bis 1721 waren die beiden ersten Jahrzehnte des 18. Jahr- hunderts fast in ganz Europa eine Zeit besonders inten- siver Kriegserfahrungen. Nur wenige Länder und Städte konnten sich neutral halten – gehörten dann aber in der Regel zu den Nutzniessern der Kriege, so die Schweiz mit ihren Söldnerdiensten oder Freie Reichsstädte und Hansestädte wie Bremen, Frankfurt am Main, Hamburg, Köln und Nürnberg als Truppenversorger und Finanz- plätze. Das Schwungrad des Kriegs brachte den Aufstieg und Fall von Mächten und Wirtschaftskräften. Am Ende des zweiten Jahrzehnts des 18. Jahrhunderts kam es noch zu kürzeren Kriegen, die den Gesamtcharakter ei- ner Kriegszeit komplettierten, einem Türkenkrieg Kaiser Karls VI. und der Republik Venedig von 1716 bis 1718 und dem Krieg der Quadrupelallianz gegen Spanien von 1717 bis 1720 als Nachfolgekrieg des Spanischen Erb- folgekriegs. Als verschiedene Friedensschlüsse in Den Haag, Nystad, Passarowitz und Stockholm um 1720 die Kriege beendeten, markierten sie den Übergang Europas zu zwei Friedensjahrzehnten, die zwischen 1720 und 1740 nicht nur eine Hochphase der Politik des europä- ischen Mächtegleichgewichts, des sogenannten europä- ischen Konzerts, brachten, sondern auch das Aufblühen der Kunst und Kultur des Spätbarock und des Rokoko sowie das Aufkommen der Aufklärungsbewegung ermöglichten. 
Allianz des Wiener Hofs war allerdings diejenige mit Grossbritannien und der nordniederländischen Repu- blik, die als die Grosse Haager Allianz bezeichnet wurde. Das Königreich Grossbritannien, das sich soeben erst, 1707, durch die Realunion von England und Schottland gebildet hatte, und die Ständerepublik der nördlichen Niederlande verfügten über die machtpolitischen Res- sourcen, die ihnen eine dominante Rolle ermöglichten. In London und Den Haag wurde die brüderliche Nach- folge im Haus Habsburg gewünscht und unterstützt. Diese Nachfolgefrage sollte freilich bald schon auch zur entscheidenden Belastungsprobe der Kriegsallianz wer- den und eine politische Neuorientierung herbeiführen. Der Spanische Erbfolgekrieg von 1701 bis 1714 führte die Kriege König Ludwigs XIV. um die Hegemonie in Europa auf einen abschliessenden Höhepunkt. Das Erbe der spanischen Monarchie bildete vom Beginn seiner Al- leinregierung in den 1660er Jahren an den Zielpunkt der militärischen Machtpolitik des französischen Sonnenkö- nigs. Jetzt – nach dem Tod des letzten spanischen Habs- burgers im Jahr 1700 – ging es um das Ganze. Würde es einen Nachfolger Kaiser Karls V. als mächtigstem Fürsten der Christenheit geben? – und würde ein solcher «Uni- versalmonarch» ein Habsburger oder ein Bourbone sein? Gut begründete Erbrechte konnten die beiden führen- den Familien des katholischen Europa geltend machen. Eine andere Entscheidungsinstanz als der Krieg stand in dem politisch und konfessionell gespaltenen Kontinent nicht zur Verfügung. Weder der Papst noch ein Diplo- matenkongress hätten unangefochtene Autorität geltend machen können. Es war kaum vermeidbar, dass auf den Tod des spanischen Königs Karl II. in Madrid bald die ersten Waffenhandlungen folgten und dass Frankreich einerseits und das Bündnis von Kaiser, Grossbritannien und niederländischen Generalstaaten andererseits auf den Schlachtfeldern gegeneinander zum Kräftemessen antraten. Die Schlachtfelder Europas – dies waren, wie seit langem, jetzt wieder Süddeutschland, Oberitalien, die südlichen Niederlande, also Belgien, dieses Mal dazu jedoch auch Spanien und das westliche Mittelmeer. Seit 1701 fanden auf wechselnden regionalen Schauplät- zen intensive Kampfhandlungen und Schlachten statt, musste auch die Zivilbevölkerung durch Verwüstungen und Plünderungen leiden. Im Jahr 1712 war ein Ende noch nicht erreicht. Der Schrecken des gerade erst etwas Kapitel_2_Schindling.indd   4722.10.12   12:31
        

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