Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
111
Erscheinungsjahr:
2012
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_111/39/
37 Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein, Jahrbuch Band 111, 
2012 
sich auch für Liechtenstein die Frage der nationalen Identität128 dringlicher. Denn spätestens mit dem Ende des Deutschen Bundes 1866 und dem damit verbun- denen Ausscheiden Liechtensteins aus Deutschland war die Zugehörigkeit zur deutschen Nation – die noch im 19. Jahrhundert einen Teil liechtensteinischer Identität ausgemacht hatte – als Identifikationsangebot problema- tisch geworden.129 
Benötigt wurde nun eine ausschliess- lich und genuin liechtensteinische Identität, was das Be- dürfnis nach einem liechtensteinischen Nationalmythos erklärt. Aber nicht die nationale Identitätsprägung steht bei den liechtensteinischen Kauferzählungen im Vorder- grund, sondern die Frage der staatsbürgerlichen Identi- tät. Je nach Erzählweise ergeben sich verschiedene Iden- titätsangebote: Die geschilderte obrigkeitliche Variante der Kauferzählung zielt auf eine monarchisch geprägte Identität, eine Identität als fürstliche Untertanen. Demge- genüber legte die Darstellung derselben Ereignisse durch den liberalen Geschichtsschreiber Peter Kaiser Mitte des 19. Jahrhunderts wie erwähnt die Grundlage für ein stär- ker bürgerlich-demokratisches Selbstverständnis. Solche narrative Variationen (Erzählvarianten) kön- nen nach Münkler «spezifisch politische Deutungslei- stungen darstellen, in denen einer Neuorientierung des politischen Verbandes vorgearbeitet wird».130 Sie dienen dann dazu, Umbrüche und Reformen legitimatorisch abzusichern. So lässt sich Peter Kaisers bürgerliche Er- zählvariante unschwer mit Kaisers liberaler, emanzipa- torisch-demokratischer Haltung und dessen politischer Tätigkeit als Kopf der 1848er Revolution in Liechtenstein in Verbindung bringen.131 Insoweit seine Erzählung die Geschichte der Landschaften und der Landammänner idealisierte132 und politisch nutzbar machte, trägt auch sie Züge eines politischen Mythos, wobei ihr mit Bi- zeul133 eine emanzipatorische Funktion zuzurechnen ist. Die als obrigkeitlich bezeichnete Variante hingegen verlieh der fürstlichen Herrschaft Stabilität, etwa unter der neuen Rahmenbedingung des Konstitutionalismus (in Liechtenstein seit 1862) und später angesichts des Zusammenbruchs der Monarchien in Österreich und Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg. Sie entsprach damit der konservativen Funktionsvariante politischer Mythen.134 Nationalmythen erheben typischerweise den An- spruch, «die Geschichte der Nation nicht nur zu deu-116 
Claude Rivière, zitiert in Bizeul: Mythen (2000), S. 19. 117 Liechtensteiner Briefmarkenkatalog (1992), S. 103. 118  Zwei der drei Bilder von Verling und Zotow sind in diesem Auf- satz wiedergegeben; das dritte findet sich im Beitrag von Alois Ospelt in diesem Band. 119 Vgl. Burgmeier: Denkmäler (2012). 120  Zur 200-Jahrfeier 1899 wurde in Schellenberg ein Gedenkstein mit Inschrift aufgestellt («Errichtet zur Erinnerung an die zweihundert- jährige Gedenkfeier der Erwerbung der Reichsherrschaft Schellen- berg am 23. Februar 1699 [!] durch seine Durchlaucht Fürst Johann Adam Andreas von und zu Liechtenstein»). Zum 40. Regierungsju- biläum Fürst Franz Josefs II. 1978 schuf Georg Malin einen «Erin- nerungsbrunnen», der an die erste Huldigung an das Fürstenhaus Liechtenstein 1699 erinnert, ohne bildlich oder textlich auf diesen Anlass Bezug zu nehmen («Schwurplatz», Kirchhügel Bendern, Einweihung 1980). Zum 300-Jahr-Jubiläum Liechtensteiner Un- terland 1699–1999 schuf Hugo Marxer eine Marmorskulptur mit Texttafel zum Thema «Entwicklung» (in Schellenberg) sowie eine Bronzeplastik des Chronisten Johann Georg Helbert (in Eschen); in Nendeln wurde 1999 die Replik eines Grenzsteins von 1693 mit Inschrifttafel aufgestellt (vgl. Burgmeier: Denkmäler, 2012). 121 Bizeul: Mythen (2000), S. 21. 122  Vgl. dazu Matt: Verklärung (2007), S. 3 f. Zum Verhältnis von Mythos und Emotion vgl. Becker: Mythos (2005), S. 137. 123 Vgl. Hein-Kircher: Mythen (2007), S. 30. 124 Matt: Verklärung (2007), S. 4. 125 Becker: Mythos (2005), S. 129 f. 126 Büchel: Bilder aus der Geschichte (1912), S. 40. 127  Vgl. etwa Theodor Schieder (Hrsg.): Europa im Zeitalter der Na- tionalstaaten und europäische Weltpolitik bis zum Ersten Welt- krieg. Stuttgart, 1968 (= Handbuch der europäischen Geschichte, Band 6); als «Zeitalter der Nationalstaaten» gilt hier der Zeitraum von etwa 1870 bis 1918. 128  Zur Problematik des Begriffs der «nationalen Identität» für den Kleinstaat Liechtenstein vgl. Geiger: Völklein (2002), S. 225 f. 129  Die Zugehörigkeit zum Heiligen Römischen Reich deutscher Na- tion (bis 1806) und zum Deutschen Bund (1815–1866) war selbst- verständlicher Teil des liechtensteinischen Selbstverständnisses gewesen, wenn auch eine deutschnationale Begeisterung im 19. Jahrhundert kaum vorlag. Ab 1866 aber musste eine deutsche Orientierung die liechtensteinische Eigenständigkeit bedrohen, was besonders scharf zur Zeit des Nationalsozialismus der Fall war (vgl. dazu Geiger: Völklein, 2002, bes. S. 233–243). 130  Münkler: Mythen (2009), S. 15, vgl. auch S. 12 und 26. 131  Nach Langewiesche: Peter Kaiser (1993), S. 50 betrieb Peter Kai- ser die «Geschichtsschreibung als eine Form von Politik»; Kaiser «war schon vor 1848 als ein Kenner der Geschichte Liechtensteins hervorgetreten, und er hatte sie in einer Weise erzählt, dass aus ihr politische Mitwirkungsansprüche des Volkes geschöpft werden konnten» (ebd., S. 51). Zur Revolution von 1848 in Liech- tenstein vgl. Geiger: Geschichte (1970), S. 15–184 und Brunhart: Revolution (2000). 132 Vgl. Brunhart: Peter Kaiser (1993), S. 198. 133 Vgl. Bizeul: Mythen (2000), S. 31 f. 134  Zum Nebeneinander konservativer und emanzipatorischer Wir- kungsweisen von Mythen vgl. Bizeul: Mythen (2000), S. 
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ten, sondern ihren Fortgang auch zu strukturieren»; sie stiften «Vertrauen und Zuversicht, dass die Nation die Kapitel_1_Frommelt.indd   3722.10.12   13:20
        

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