Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
111
Erscheinungsjahr:
2012
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_111/38/
36Frommelt Fabian: Der Kauf der Grafschaft Vaduz am 22. Februar 
1712 
nur eine bescheidene Denkmal-Tradition.119 Dennoch war der Übergang der Herrschaft Schellenberg von Ho- henems zu Liechtenstein Anlass für die Schaffung von immerhin fünf Gedenkstätten,120 während der Kauf der Grafschaft Vaduz mit keinem Denkmal gewürdigt wurde. Abschliessend bleibt die Frage nach den Funktionen, die National- oder Gründungsmythen erfüllen. Als die vier Hauptfunktionen politischer Mythen unterscheidet Bizeul die sinnstiftende, die integrative, die legitimie- rende und die emanzipatorische Funktion.121 Als Grundfunktion politischer Mythen gilt ganz all- gemein die Stiftung von Sinn und Orientierung. Mythen zielen – im Gegensatz zur Wissenschaft, deren Merkmal die Überprüf- und Widerlegbarkeit ist – nicht auf rati- onale Begründung, sondern auf emotionale Verlässlich- keit; sie produzieren in dem Sinn scheinbar unwiderleg- bare Gewissheit.122 Mythen bieten einfache Orientierung in einer komplizierten Welt. Diese Ordnungsfunktion wird von jedem Gemeinwesen benötigt, auch von de- mokratischen.123 Peter von Matt sagt: «Die Vorstellung, ohne mythische Erzählungen, Bilder und Zeichen leben zu können, ist eine Täuschung, sowohl für den Einzel- nen wie für die Gesellschaft.»124 Umso wichtiger ist das Wissen um die Existenz und um die Funktionsweise politischer Mythen. Denn nicht die Frage nach der hi- storischen «Wahrheit» einer mythischen Erzählung ist relevant, sondern jene nach ihrer «Wirkmächtigkeit».125 Politische Mythen formen das historische Bewusstsein, das kollektive Gedächtnis und damit die kollektive Iden- tität (Integrationsfunktion). Letztere bezieht sich häufig auf die Nation. Auch die Vaduzer Kaufgeschichte wurde zur Stiftung oder Stärkung eines liechtensteinischen Na- tionalbewusstseins eingesetzt: So wendet sich in Johann Baptist Büchels Festspiel von 1912 der kemptische Rat Blömegen nach der Huldigung mit den Worten an das Volk: «‹Liechtensteiner› ist von jetzt an Euer Name, liechtensteinisch auch Euere Farben. Liechtensteinisch müssen jetzt auch Euere Fahnen sein», und der liechten- steinische Landvogt Baur doppelt nach: «Jetzt könnt Ihr ausrufen: ‹Ich bin ein Liechtensteiner›.»126 Diese Blömegen und Baur in den Mund gelegten Worte scheinen nicht so recht ins frühe 18. Jahrhundert zu passen, dem nationales Denken noch fremd war. Hingegen entsprach der nationale Gedanke einem po- litischen Grundzug des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Im sogenannten «Zeitalter der Nationalstaaten»127 stellte 
für seine Erhaltung, indem er seine Wiederkehr si- chert und ihn in einer konkreten wie auch affektiven Form vorführt.»116 –  Nur vereinzelt hat die liechtensteinische Kauferzäh- lung Niederschlag in bildlichen Darstellungen gefun- den. Immerhin wurde die Huldigung von 1718 von zwei Künstlern bildlich umgesetzt: Der Vaduzer Eu- gen Verling (1891–1968) schuf in den 1930er Jahren gleich zwei Fassungen dieser Szene und Eugen Zotow (1881–1953) verwendete das Sujet 1939 für eine Brief- markenserie,117 
die anlässlich der Huldigung für Fürst Franz Josef II. (1906–1989) herausgegeben wurde.118 Bei Verling stehen das Bild des Fürsten respektive die Übergabe der liechtensteinischen Fahne im Mittel- punkt. Die Fahnenübergabe im Ölgemälde von 1938 wird beobachtet von einer Dreiergruppe, bei der es sich wahrscheinlich um die beiden Landammänner von Vaduz und Schellenberg (mit Hut, Mantel und Hellebarde) sowie um Alt-Landammann Basil Hoop (ohne Hut, gebeugt, mit Stock und Hund) handeln dürfte. Ansonsten sind die Untertanen vornehmlich am Bildrand und im Bildhintergrund zu erkennen. Der ukrainisch-russische Emigrant Zotow rückt hin- gegen in sprechender Weise das Verhältnis von Ob- rigkeit und Untertanen ins Zentrum. Auch Denkmäler sind ein Element ikonischer Ver- dichtung. Sie verhelfen der historischen Erinnerung zu physischer Präsenz in der Landschaft. Liechtenstein hat Briefmarke Huldigung «1718–1939», Eugen Zotow, erschienen aus Anlass der Huldigung für Fürst Franz Josef II. 1939. Kapitel_1_Frommelt.indd   3622.10.12   13:20
        

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