Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
111
Erscheinungsjahr:
2012
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_111/37/
35 Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein, Jahrbuch Band 111, 
2012 
Fotoaufnahme des Festzugs vom 14. Juli 1912 beim Roten Haus auf dem Weg zum Festplatz beim Schloss 
Vaduz. 
Mythen reduzieren die Komplexität des Geschehens. In der Erzählung vom Vaduz-Schellenberger Herrschafts- wechsel ist dies mehrfach erfüllt: Vereinfachend ver- schmilzt zum Beispiel das Festspiel von 1912 die Grafen Ferdinand Karl und Jakob Hannibal III. zu einer Person; die strukturellen Gründe der Hohenemser Finanz- und Herrschaftskrise werden ausgeblendet oder unterbewer- tet; das ab 1707 geschwundene Interesse Fürst Johann Adams am Kauf von Vaduz kommt in diesen Erzäh- lungen häufig nicht vor.Durch 
die Bezugnahme auf die «göttliche Vorsehung» wird die Kaufgeschichte mit einer transzendentalen, auf das Übersinnliche verweisenden Komponente ange- reichert und erhält damit ein Element eines religiösen Mythos.111 Hinsichtlich ihrer Erscheinungsformen begegnet die liechtensteinische Kaufgeschichte als Erzählung, als In- szenierung und, wenn auch selten, als bildliche Darstel- lung. Die Nutzung der drei Verbreitungsebenen Sprache, Ritual und Bild112 – Münkler spricht von «narrativer Va- riation», «ritueller Inszenierung» und «ikonischer Ver- dichtung» – gilt als Voraussetzung dafür, dass politische Mythen «ihre volle Kraft entfalten» können:113 –  Die Erzählung (Narration) ist das dominante Ele- ment. Für die Kauferzählung wurden Beispiele aus Reden, Gedichten (Liedern), Geschichts- und Schul- büchern angeführt. Mit dem Begriff der «narrativen Variation» hebt Münkler hervor, dass «Mythen nicht bloss weitererzählt, sondern auch fort- und umerzählt werden», wodurch sie neue Inhalte und Aussagen gewinnen können114 
– ein Umstand, der mit den als bürgerlich respektive als obrigkeitlich bezeichneten Varianten der Kauferzählung bereits deutlich wurde. –  Zur «rituellen Inszenierung» gehören nicht nur ei- gentliche Theateraufführungen wie das Festspiel von 1912, welchem bei den Jubiläen von 1949, 1956, 1999 und 2006 weitere Freilichtspiele folgten,115 sondern auch politische Feste wie Jubiläumsfeiern und Fe- stumzüge oder politische Rituale wie Huldigungsakte. Der Ritus «vergegenwärtigt [...] den Mythos und sorgt 104  Lesebuch (1914), S. 446–448, Zitat von S. 447; das Kapitel «IV. A. Geschichte unserer Heimat» wurde verfasst von Johann Baptist Büchel. 105 Lesebuch (1938), S. 230. 106 Ebenda, S. 231. 107  Lehrpläne für die Volksschule des Fürstentums Liechtenstein (1948), zitiert nach Martin: Bildungswesen (1984), S. 413. 108  Die folgenden Ausführungen stützen sich insbesondere auf Bi- zeul: Mythen (2000), Becker: Mythos (2003), Hein-Kircher: My- then (2007) und Münkler: Mythen (2009), S. 9–35. 109 Bizeul: Mythen (2000), S. 17. 110 Ebenda; vgl. auch Hein-Kircher: Mythen (2007), S. 27. 111  Vgl. Hein-Kircher: Mythen (2007), S. 26 f.; Becker: Mythos (2005), S. 131, 139. 112 Becker: Mythos (2005), S. 132. 113 Münkler: Mythen (2009), S. 14 f. und S. 21. 114 Ebenda, S. 15. 115 Vgl. Schremser: Freilichtspiele (2012). Kapitel_1_Frommelt.indd   3522.10.12   13:20
        

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