Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
111
Erscheinungsjahr:
2012
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_111/229/
227 Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein, Jahrbuch Band 111, 
201222-jährige 
Deutsche namens Heinrich Heinen und Edith Meyer bei Nofels über die deutsch-liechtensteinische Grenze nach Liechtenstein und weiter in die Schweiz zu flüchten. Dort wollten sie heiraten. Doch sie wurden von den deutschen Grenzbehörden gefangen und in die Haft- anstalt im Gebäude des Landgerichts Feldkirch (heute «Landesgericht») gebracht. Woher kam das Paar, warum floh es? Edith Meyer war «Volljüdin» aus Langenfeld bei Düsseldorf, Heinrich Heinen ihr «arischer» Freund aus Köln. Edith war ein halbes Jahr zuvor im Dezember 1941 deportiert worden, nach Riga in Lettland in ein Sammel- ghetto. Heinrich machte sie dort ausfindig und holte sie zu Ostern 1942 in verwegener Aktion heraus. Sie flüch- teten wochenlang kreuz und quer durchs Reich, ver- suchten in Konstanz die Grenze zu überqueren, danach in Vorarlberg bei Nofels, vergeblich. Nachts um 0.50 Uhr am 23. Juni wurden sie in Feldkirch eingeliefert. Edith Meyer sass gut zwei Monate als «Schutzhäft- ling» der Gestapo in Feldkirch, danach wurde sie am 29. August 1942 für weitere Wochen ins Polizeigefängnis beim Hauptbahnhof in Innsbruck überführt. Dort ver- merkte die Karteikarte der Gestapo als «Endverfügung» für Edith Meyer: «9. 10. 42, 7.30, Transport Auschwitz». In Feldkirch war derweil ihr Freund Heinrich Heinen vor einem dreiköpfigen «Sondergericht» angeklagt. Das Feldkircher Sondergericht, das von 1939 bis 1945 amtete, fällte elf Todesurteile, davon wurden zehn vollstreckt. Im Verfahren gegen den 22-jährigen Heinrich Heinen wegen «Rassenschande», «Wehrdienstentziehung» und «Passvergehen» bestand das Sondergericht aus dem Landgerichtspräsidenten Dr. Heinrich Eccher, Landge- richtsdirektor Dr. Otto Böhm und Oberlandesgerichtsrat Siegfried Ratzenböck, alle zwischen 50 und 60 Jahre alt. Oberstaatsanwalt Dr. Herbert Möller, 42 Jahre, vertrat die Anklage. Das Urteil gegen Heinen vom 27. August 1942 lautete, dem Antrag des Anklägers folgend, auf fünf Jahre Zuchthaus. Heinens Geständnis hatte sich mil- dernd ausgewirkt. Ein Rechtsmittel gegen das Urteil des Sondergerichts war nicht zulässig. Heinen plante ohnehin anderes – nämlich den Aus- bruch, die Flucht zusammen mit seiner Braut. Dass diese aber am 29. August, zwei Tage nach dem Urteil gegen Heinen, nach Innsbruck verlegt wurde, wusste er nicht. Er überredete weitere Häftlinge, die mit ihm in der gleichen Zelle 52 einsassen, zum Mittun. Am frühen Sonntagabend, 30. August, überwältigten sie mit einer 
Geschichte ist geflochten aus Schicksalen. Menschen werden durch die Zeit gezogen, quer durch die Län- der. So Millionen in der NS-Zeit, Soldaten in den Krieg, Frauen in die Fabriken und Lazarette, Flüchtende über die Grenzen oder ins Gefängnis und ins KZ. Daneben war Alltag, mit Arbeit, Anbau, Alarm, Justiz. Auch an der Grenze in Feldkirch. Davon handelt der schlanke Band von Alfons Dür. Es ist kein Roman, anders als die vom Haymon Verlag gesteuerte Aufmachung und der Titel «Unerhörter Mut, Eine Liebe in der Zeit des Rassen- wahns» suggerieren. Es ist vielmehr zeitgeschichtliche Wirklichkeit, minutiös recherchiert, lückenlos dokumen- tiert, exzellent erzählt – traurige Wirklichkeit. In Feldkirch ist der Jurist und Richter Alfons Dür, der bis 2008 als Landesgerichtspräsident amtierte, aufgrund von Anfragen, Dokumenten und zeitgeschichtlichem In- teresse auf das erschütternde Schicksal von zwei Häftlin- gen des Jahres 1942 gestossen. Aus seinen Nachforschun- gen resultierte das vorliegende Buch. So wie den Autor die verwickelten Wege nicht mehr losliessen, bis er sie aufgeschlüsselt hatte, so hält sein Buch die Lesenden in Atem. Die Sprache ist leicht verständlich, knapp und präzis. Personen, Vorgänge und Schauplätze werden an- schaulich. Zeithintergründe und Organisationen sind er- läutert. Besonders deutlich wird das bürokratisch-mons- tröse Ineinandergreifen von Ideologie, Polizei und Justiz im NS-Staat. Von Feldkirch aus versuchten in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1942 – die Wehrmacht stand in Nord- afrika, am Eismeer und im Kaukasus – zwei junge, 
Über der Grenze – NS-Justiz in Feldkirch Unerhörter Mut, Eine Liebe in der Zeit des Rassenwahns Peter GeigerAlfons Dürr: Unerhörter Mut. Eine Liebe in der Zeit des Rassenwahns. Haymon Verlag, Innsbruck und Wien, 2012. 199 Seiten. ISBN 978-3-85218-735-8 CHF 29.90, Euro 19.90 Kapitel_10_Rezensionen.indd   22722.10.12   13:00
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.