Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
111
Erscheinungsjahr:
2012
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_111/19/
17 Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein, Jahrbuch Band 111, 20121 
 Beim nachfolgenden Text handelt es sich um die erweiterte Fas- sung des am 22. Februar 2012 an der Jubiläumsfeier «300 Jahre Liechtensteiner Oberland» im Vaduzer Saal gehaltenen Festvor- trags. Der vorgetragene Wortlaut findet sich auf der Website des Liechtenstein-Instituts (www.liechtenstein-institut.li). 2  Vgl. zum Beispiel Liechtensteiner Vaterland vom 27. September 2011 und 23. Februar 2012; Liechtensteiner Volksblatt vom 27. und 28. September 2011 sowie vom 23. Februar 2012. 3 Vgl. dazu Sablonier: Teilungsvertrag (1994). 4 Blickle: Landschaften (1973), S. 23. 5  LI LA U 16 (14. Januar 1473)/ LUB II: Schiedsspruch Wolfharts VI. und Sigmunds von 
Brandis. 
passen die Begriffe erst ab dem Jahr 1719: Erst die Vereinigung der Grafschaft Vaduz und der Herrschaft Schellenberg zum Reichsfürstentum Liechtenstein durch Kaiser Karl VI. am 23. Januar 1719 schuf dafür die Voraussetzung. –  Bezieht man sich aber auf das «Oberland» als geo- graphischen Raum und als herrschaftliches wie auch als korporativ-genossenschaftliches Gebilde, so ist das Oberland wesentlich älter: Geographisch deckt es sich mit der alten Grafschaft Vaduz, die in den Jahrzehnten nach 1342 entstanden ist.3 
Und auch die Landschaft Vaduz, also die Korporation der hier le- benden Menschen, entstand schon Mitte des 15. Jahr- hunderts: Sowohl die herrschaftliche Tradition der Grafschaft wie die genossenschaftliche Selbstverwal- tungstradition der Bevölkerung bestanden 1712 also bereits seit rund 350 respektive 250 Jahren. Wenn hier von der «Landschaft Vaduz» gesprochen wird, ist damit – wie schon angetönt – nicht etwa die schöne Gegend des Oberlands gemeint. Die «Landschaft» im hier verwendeten Sinn war die «genossenschaftlich or- ganisierte, korporativ auftretende Untertanenschaft einer Herrschaft».4 
Oder einfacher gesagt: Die Untertanen tra- ten dem Landesherrn nicht nur als Einzelpersonen ge- genüber, sondern gemeinsam als Untertanenverband, als Körperschaft mit eigener Rechtsperson. In den Quellen ist dieser Landschaftsbegriff für Vaduz erstmals 1473 in einem Schiedsspruch der Freiherren Wolfhart VI. und Sigmund von Brandis belegt: Die Geschworenen der Dörfer Schaan, Vaduz, Triesen und Balzers klagten in einem Steuerstreit «... von ganntzer lantschafft und der stûrgenossen wegen in vnser graufschafft und herschafft zu Vadutz ...» gegen einige Steuerpflichtige.5 
2012 feiert Liechtenstein das Jubiläum «300 Jahre Liech- tensteiner Oberland». Dahinter verbergen sich, genau genommen, zwei verschiedene Anlässe: Zum einen wird an den Verkauf der Grafschaft Va- duz durch die Grafen von Hohenems an das Fürstenhaus Liechtenstein erinnert. An ein historisches Faktum also, das mit der Unterzeichnung des Kaufvertrags in Wien auf den Tag genau heute1 
vor 300 Jahren stattgefunden hat. Ein denkwürdiges Ereignis. Ohne diesen Kauf, dem 1699 der Kauf der Herrschaft Schellenberg vorangegan- gen war, wären Vaduz und Schellenberg, wären Ober- land und Unterland sehr wahrscheinlich früher oder später in einem benachbarten Staatsgebilde aufgegangen, lägen heute vielleicht in zwei verschiedenen Ländern, würde wohl kein souveräner Kleinstaat im Alpenrheintal bestehen. Dem Kauf der Grafschaft Vaduz ist der zweite Teil dieses Vortrags gewidmet. Zum anderen aber wird – so will es der offizielle Ti- tel des Jubiläums – zugleich der 300-jährige Bestand des Liechtensteiner Oberlands gefeiert. Dieser Feieranlass, der in der öffentlichen Kommunikation häufig auf «300 Jahre Oberland» verkürzt wird,2 ist weniger eindeutig. Diesen Aspekt beleuchtet der erste Teil dieses Referats, während sich der dritte und letzte Abschnitt mit dem Zusammenhang von Geschichtserzählung, staatlichen Jubiläen und kollektiver Identität 
beschäftigt. 300 Jahre Liechtensteiner Oberland? So schön es ist, heuer «300 Jahre Liechtensteiner Ober- land» zu feiern, muss man doch feststellen, dass diese Bezeichnung nur insofern zutrifft, als das Wort «Liech- tensteiner» betont wird, wenn wir also feiern wollen, dass das heutige Oberland vor 300 Jahren unter fürstlich- liechtensteinische Herrschaft kam. Das Oberland selbst aber als eine räumliche und als eine politisch-administra- tive Einheit ist ebenso wenig am 22. Februar 1712 ent- standen wie das Unterland am 18. Januar 1699. Fragt man nach der Entstehung des Oberlandes, gibt es zwei Ansatzpunkte – abhängig davon, auf was man sich beziehen will: –  Bezieht man sich auf «Oberland» und «Unterland» als den beiden Teilen eines im staatsrechtlichen Sinn zu- sammengehörenden Ganzen – als den zwei Hälften eines einheitlichen Landes Liechtenstein also – dann Kapitel_1_Frommelt.indd   1722.10.12   13:20
        

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