Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
111
Erscheinungsjahr:
2012
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_111/153/
151 Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein, Jahrbuch Band 111, 201289 
 Die Ansprache ist im Internet unter http://www.regierung.li/ uploads/media/Ansprache_Ausstellung_1712_-_Das_Werden_ei- nes_Staates.pdf publiziert (Stand 24. Juli 2012). Alle Zitate beru- hen auf dieser Version. 90  Buchbinder, Sascha und Matthias Weishaupt: Das Bild des Für- sten, in: Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein Bd. 103 (2004), S. 205. 91  Der damalige Text der Nationalhymne lautete: «Dies liebe Hei- matland im deutschen Vaterland hat Gottes weise Hand für uns ersehn.» Frommelt hat also das Zitat manipuliert, indem er das «deutsche Vaterland» in «Gottes Vaterhand» verwandelte. 
stungsvermögen, von dem im Notfall auch das Lande profitierte. Die Monarchie vermittelte dem Kleinstaat, der sich den grossen Ereignissen der europäischen Ge- schichte hilflos ausgesetzt sah, Sicherheit und Zuversicht – die Fürsten erschienen als Garanten einer besseren Zu- kunft. Etwas zugespitzt kann man sagen, dass die geringe Grösse des Staates Liechtenstein durch die Monarchie teilweise kompensiert wurde. Das Verhältnis Fürst und Volk wurde zu einer «symbiotischen Vereinigung».90 Die Monarchie war tabu und wurde nie grundsätzlich in Frage gestellt. Die Wiedereinführung der Huldigung zeigt, dass die Gefühle und Empfindungen, die dabei zum Ausdruck kamen, wichtiger waren als die rationale Wertung dieses Akts: Die Huldigung war nicht mehr ein Akt der persönlichen Unterwerfung, sondern die Erneuerung eines gegenseitigen Treueverhältnisses – in manchem vergleichbar mit einem Initiationsritus, der als freudiges Fest begangen wurde. Als zweiter zentraler Wert stellte sich der Katholi- zismus heraus: Die Kirche spielte im politischen Leben zumindest bis zum Zweiten Weltkrieg eine immense Rolle. Staatliche Feiern begannen stets mit einer feier- lichen Messe. Die katholische Kirche stützte und recht- fertigte die weltliche Obrigkeit. Umgekehrt schützten die streng katholischen Fürsten auch die Interessen der Kirche. Spezifisch liechtensteinisch war die von Geist- lichen immer wieder geäusserte Versicherung, dass Liechtenstein seinen Weg der göttlichen Vorsehung verdanke. Dazu Pfarrer Anton Frommelt an der Jung- männertagung 1938: «Denkst Du auch an den Sinn der Worte, wenn Du in der Volkshymne singst: ‹Dies liebe Heimatland, das Gottes Vaterhand91 für uns ersehen!? Ich nehme es Wort für Wort als Ueberzeugung. Es gibt keinen Zufall, es gibt nur Vorsehung. Vorsehung war‘s, die dieses Plätzlein Erde uns gestaltet, Vorsehung, die 
Schlussbetrachtung und Fazit Kommen wir noch einmal zum eingangs erwähnten Referat von Regierungschef Klaus Tschütscher anläss- lich der Eröffnung der Ausstellung im Landesmuseum. Er führte aus, dass das Wissen um die Ursprünge der Eigenstaatlichkeit und der gemeinsamen Geschichte einen wichtigen Teil der liechtensteinischen Identität ausmache. Anlässlich der 300-Jahrfeier sollten mit Ge- meinschaftserlebnissen die staatlichen Grundwerte und das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit gestärkt und sichtbar gemacht werden: «Liechtensteins Geschichte, seine Menschen und seine monarchische Staatsform sind Besonderheiten, die uns zu einem unverwechsel- baren staatlichen Gemeinwesen machen. Diese Beson- derheiten prägen unser Selbstverständnis und unsere Identität als Staat.»89 
Liechtenstein sei aufgrund seiner Geschichte eine Wertegemeinschaft, diese gemeinsamen Werte wirkten «unbewusst wie ein innerer Kompass bei unseren Entscheidungen, bei der Bestimmung der Richtung, wohin sich unser Land entwickeln soll.» Die Identitätsbildung erfolge nicht allein aufgrund der Fak- ten, da unterschiedliche Sichtweisen und Interpretati- onen möglich sind: «Nationalbewusstsein entsteht nicht nur durch historisch belegte Fakten, sondern auch durch Interpretationen von Vorgängen und durch unser kol- lektives Geschichtsbild, zu dem gerade Jubiläumsfeiern und Aussagen des offiziellen Liechtensteins an solchen Jubiläumsfeiern beitragen.» Welche Werte und Einstellungen standen bei den staatlichen Feiern in dem hier betrachteten Zeitraum (bis 1940) im Vordergrund? Wenn man diese Feierlichkeiten Revue passieren lässt, so stechen fünf Werte hervor: Mo- narchie, Katholizismus, Traditionalismus, Familiarität und Eigenstaatlichkeit. Das Bekenntnis zur Monarchie und zum Fürstenhaus überstrahlt alle anderen Werte – und dies «erst recht» nach dem Zusammenbruch der andern deutschspra- chigen Monarchien. Die Monarchie wurde für Liechten- stein zum wichtigsten Unterscheidungsmerkmal. Das Bewusstsein, die letzte deutschsprachige Monarchie zu sein, machte Liechtenstein im Bewusstsein der Lan- desangehörigen zu etwas ganz Besonderem. Das Haus Liechtenstein mit seiner jahrhundertealten Geschichte und Tradition stand für Beständigkeit, für feste kultu- relle und religiöse Werte und für wirtschaftliches Lei- Kapitel_6_Vogt.indd   15122.10.12   12:40
        

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