Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
111
Erscheinungsjahr:
2012
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_111/118/
116Haupt Herbert: Aufstieg und 
Konsolidierung 
Realisierung blieb seinem Nachfolger, Fürst Anton Flo- rian (1656–1721), vorbehalten, der 1719 bei Kaiser Karl VI. (1685–1740) die Erhebung der Herrschaften Schel- lenberg und Vaduz zum Reichsfürstentum Liechtenstein mit Sitz und Stimme («votum et sessio») auf der Reichs- fürstenbank in Regensburg erwirkte. Wie gross die finanziellen Möglichkeiten von Fürst Johann Adam I. Andreas waren, zeigen auch seine kultu- rellen Aktivitäten:30 Er sammelte in bisher nicht da gewe- senem Ausmass Kunstwerke aller Art, vor allem aber Ge- mälde, und er pflegte, wenn auch in veränderter Form, die von seinem Vater, Fürst Karl Eusebius, zu internatio- nalem Ansehen geführten Gestüte weiter. In besonderer Weise trat Johann Adam I. Andreas aber als Bauherr in Erscheinung. Dem Ratschlag und den Ideen seines Va- ters folgend liess der Fürst auf seinen Herrschaften Kir- chen und Schlösser umbauen und neu errichten. Als Bei- spiele seien Schloss Landskron (Lanškroun), vor allem das nahe Prag gelegene Lustschloss Kolodej (Koloděj) genannt. Johann Adam I. Andreas wohnte und residierte vor- wiegend in Wien. Sein fürstlicher Rang machte den Neu- bau eines grossen innerstädtischen Palastes notwendig, der möglichst nahe der kaiserlichen Hofburg gelegen sein sollte. Das «Decorum» und der Wettstreit mit an- deren hochadeligen Familien bedingten zudem die Er- richtung eines repräsentativen Sommerpalastes vor den Toren der Stadt. Für beide Bauvorhaben gewann Johann Adam I. Andreas in der Person des Lucceser Architekten Domenico Martinelli (1650–1719) einen Hauptmeister der barocken Baukunst.31 
Das Gartenpalais in der Rossau verstand sich zudem als Zentrum und Ausgangspunkt der von Johann Adam Andreas auf eigenem Grund und Boden neu geschaffenen Mustersiedlung Lichtental.32 Die prunkvolle Ausstattung der beiden Palastbauten, bei der keine Kosten und Mühen gespart worden waren, fanden ihr bewunderndes Publikum.33 Sie galten und gelten wie die zur gleichen Zeit entstandenen Palais des Prinzen Eugen von Savoyen (1663–1736) als Höhepunkte der Baukunst in der an Palastbauten so reichen Kaisermetro- pole Wien. In der Person von Fürst Johann Adam I. Andreas ver- schmolzen das von seinem Vater, Fürst Karl Eusebius, vorgelebte Idealbild des «adeligen Landmannes» mit der Notwendigkeit, Stand und Würde durch die Anwesen- heit bei Hof in Wien zu repräsentieren. Johann Adams 
Arbeitsleistungen (Robot) der Untertanen zum Nutzen des fürstlichen Hauses rigoros zu erhöhen. Dass dies nicht ohne Widerstand der Bevölkerung vonstatten ging, zeigen u. a. die heftigen Bauernproteste auf der liech- tensteinischen Herrschaft Mährisch-Trübau (Moravská Třebová) in den Jahren 1706 bis 1713.26 Die stete Erhö- hung der Eigenmittel ermöglichte es Johann Adam I. Andreas, dem Kaiserhaus die gewaltige Summe von knapp einer Million Gulden zur Bestreitung der Kriegs- ausgaben vorzuschiessen. Der «Krösus von Österreich», wie ihn die Zeitgenossen schon zu Lebzeiten nannten, nutzte die neu gewonnene finanzielle Kapazität zu einer gezielten Erweiterung des ererbten Herrschaftsbereichs. Der von Fürst Karl I. (1569–1627) grundgelegte terri- toriale Besitz gelangte unter seinem Enkel, Fürst Johann Adam I. Andreas, zu jener Grösse, die mit zeitbedingten Veränderungen bis ins frühe 20. Jahrhundert unverändert blieb. Das Ziel der Einkaufspolitik bestand in der zusam- menfassenden Ergänzung vorhandener Besitzkomplexe im nordmährischen Raum (Sternberg/Šternberk 1695 und Karlsberg 1699) sowie im niederösterreichisch-süd- mährischen Grenzbereich (Göding/Hodonín 1692). Mit Judenau (1701), Weissenburg (1703) und Rothenhaus/ Červený Hrádek (1708) kaufte Fürst Johann Adam I. An- dreas weitere einträgliche Güter. Mit zusammengerech- net 3,5 Millionen Gulden entsprach die Gesamtsumme der für Gütererwerbungen aufgewendeten Geldmittel in etwa dem Wert des Primogeniturfideikommisses! Eine andere Zielsetzung verfolgte der Erwerb der Herrschaft Schellenberg 1699 und der Grafschaft Vaduz 1712 von den verschuldeten Grafen von Hohenems.27 Die beiden Territorien konnten sich zwar in Grösse und Ertrag in keiner Weise mit dem sonstigen liechtenstei- nischen Grundbesitz messen, ihre Reichsunmittelbarkeit machten sie aber aus standespolitischer Sicht besonders wertvoll. Der Kauf dieser beiden Herrschaften setzte den Schlusspunkt hinter eine von der Familie Liechten- stein seit der Erhebung in den Fürstenstand 1608 stets verfolgten Strategie. Wenn mit dem Kauf von Schellen- berg28 und Vaduz29 zwar vorerst noch keine Reichsstand- schaft, sondern nur das durch ein zusätzliches Darlehen von 250‘000 Gulden erworbene Stimmrecht im Schwä- bischen Kreis verbunden war, so war dennoch der ent- scheidende Schritt in Richtung Reichsfürstenbank ge- tan. Die Verwirklichung seiner diesbezüglichen Pläne erlebte Fürst Johann Adam I. Andreas nicht mehr. Ihre Kapitel_5_Haupt.indd   11622.10.12   12:37
        

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