Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
110
Erscheinungsjahr:
2011
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_110/96/
98Frick Nadja/Good Jeannette: Vertrieben aus der 
Heimat 
stelle und das Land Liechtenstein erstellte ein Aufnah- mezentrum für Flüchtlinge in 
Vaduz. Persönliche Ansichten Von den geschichtlichen Ereignissen in Tibet sind wir sehr erschüttert. Wir können uns auch jetzt noch kaum vorstellen, was die Tibeter in ihrer Heimat erlebt haben und zum Teil wohl auch heute noch erleben. Die persön- lichen Erfahrungen der Tibeter, welche sie uns in ihren Interviews preisgaben, gingen uns sehr nahe. Die Behandlung der Asylgesuche der 18 Tibeter hatte zum einen eine menschliche, zum anderen eine recht- liche Komponente. Menschlich gesehen war die lange Verfahrenszeit für die Tibeter mit Höhen und Tiefen verbunden. Die in dieser Zeitspanne erlebte Ungewiss- heit, ob sie bleiben durften oder nicht, zehrte an ihren physischen wie psychischen Kräften. Aus dieser Sicht ist verständlich, dass es wünschenswert gewesen wäre, dass das Verfahren innert kürzerer Zeit abgeschlossen worden wäre. Auf der anderen Seite können wir auch den Standpunkt der Regierung verstehen, dass aus recht- licher Sicht seriöse Abklärungen vorgenommen werden mussten. Die in den Aussagen der Tibeter aufgetretenen Widersprüche konnte die Regierung nicht einfach ausser Acht lassen. Aber wir sind trotzdem der Meinung, dass bis zum ersten Regierungsentscheid vom 29. November 1994 zuviel Zeit verstrichen war. Rückblickend fragen wir uns, ob es für die Tibeter nicht besser gewesen wäre, den ersten Regierungsent- scheid zu akzeptieren. Dadurch hätten sie sich vielleicht viel Leid ersparen können. Sie wären zwar nicht als Flüchtlinge anerkannt gewesen, aber sie hätten eine Be- willigung zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit und die vorläufige Aufnahme in Liechtenstein erhalten. Leider wäre es dann den Tibetern verwehrt gewesen, ihre Fami- lienangehörigen nachzuholen. Wir sind überzeugt, dass die Tibeter eine Rückschaffung nicht zu befürchten ge- habt hätten, weil die Regierung aufgrund der damaligen Situation in Tibet diese nicht hätte vornehmen 
können. 
Zusammenfassung der Ergebnisse Nach eigenen Aussagen sind die Tibeterinnen und Tibe- ter aus politischen Gründen geflohen. Für die Regierung waren die protokollierten Aussagen über die Flucht- gründe für die Anerkennung als politische Flüchtlinge jedoch ungenügend. Die VBI anerkannte hingegen die Tibeter als Flüchtlinge und erteilte ihnen die Jahresauf- enthaltsbewilligung. Daraufhin zogen die Tibeter ihr Asylgesuch zurück. Trotzdem sprach die VBI den Tibe- tern dieselben Rechte zu wie Flüchtlingen, denen Asyl gewährt wurde. Bei diesen Rechten handelte es sich um die Bewilligung einer Erwerbstätigkeit ausserhalb der Begrenzungsvorschriften für ausländische Arbeitskräfte, die Gleichstellung bei den Sozialversicherungen und das Recht auf Familiennachzug. Aus Sicht der Regierung war diese Vorgehensweise widersprüchlich; die VBI hätte entscheiden müssen, ob den Flüchtlingen aufgrund der vorliegenden Akten Asyl hätte gewährt werden können oder nicht. Danach hätte die Regierung infolge der Situ- ation in Tibet eine vorläufige Aufnahme verfügt und den Tibetern den Ausweis F ausgestellt. Dies hätte aber zur Folge gehabt, dass die Tibeter kein Anrecht auf Familien- nachzug gehabt hätten. Die Frage nach dem Fluchtweg der 18 tibetischen Flüchtlinge konnte nicht eindeutig geklärt werden. Zum einen erschienen uns die Schilderungen, die uns die in- terviewten Tibetern gegeben hatten, glaubwürdig, zum anderen konnten wir aus den Regierungsakten entneh- men, dass sich bei den Verhören in Bezug auf die Aus- sagen des Fluchtweges Widersprüche und Ungereimt- heiten ergeben hatten. Verschiedene Gespräche mit betroffenen Flüchtlin- gen, aber auch mit weiteren involvierten Personen wie Betreuerinnen und Betreuer haben aufgezeigt, dass sich die Tibeter gut in Liechtenstein eingelebt haben. Das Ausmass der Integration ist hoch, zum Teil hängt der Grad der Integration von der Qualität der Deutschkennt- nisse der ehemaligen Flüchtlinge ab. Speziell jüngeren Personen fiel es leicht, Deutsch zu lernen und in Liech- tenstein heimisch zu werden. Auf politischer Ebene bestanden die Auswirkungen im Fall der tibetischen Flüchtlinge darin, dass die liech- tensteinische Regierung sich dazu veranlasst sah, ein – längst fälliges – Flüchtlingsgesetz auszuarbeiten. Zudem entstand in dieser Zeit eine 
Flüchtlingskoordinations- 
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