Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
110
Erscheinungsjahr:
2011
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_110/82/
84Frick Nadja/Good Jeannette: Vertrieben aus der 
Heimat 
der Flüchtlinge. Auch karitative Organisationen in Liech- tenstein halfen mit. Zum Beispiel stand das Liechtenstei- nische Hilfswerk ebenfalls mit Kleidern zur Seite. Irmi Schreiber erteilte jeden Nachmittag Deutschun- terricht und begleitete die Flüchtlinge in allen weiteren nötigen Belangen wie Botengänge, Einkäufe, Arztbe- suche, Amtsgänge usw. Für die gegenseitige Verständi- gung stand eine tibetische Dolmetscherin, die auch Vor- standsmitglied des Vereins «Tibet-Unterstützung Liech- tenstein» war, zur Verfügung. Infolge der Ungewissheit, ob die 18 Flüchtlinge in Liechtenstein bleiben konnten oder nicht, waren ihre Lernerfolge immer wieder von Rückschlägen geprägt. Natürlich trug auch das individu- elle Lernverhalten zu unterschiedlichen Fortschritten bei. Die weitere Integration ging schrittweise voran. Die Flüchtlinge übernahmen mit Freude kleinere Aufgaben in Haus und Garten von Privathaushalten. Ebenfalls fer- tigten die Flüchtlinge kunsthandwerkliche Gegenstände für den Vaduzer Weihnachtsmarkt an. Die Tibeter erhielten mit diesem öffentlichen Auftritt mehrfach posi- tive Resonanz aus der liechtensteinischen Bevölkerung. Nach Weihnachten 1993 organisierte der Verein «Tibet- Unterstützung Liechtenstein» für alle 18 Flüchtlinge ein Jahresabonnement für den öffentlichen Verkehr in Liechtenstein, was die Bewegungsfreiheit der Tibete- rinnen und Tibeter steigerte. Darüber hinaus knüpften die tibetischen Flüchtlinge in Liechtenstein enge Kontakte zu ihren in der Schweiz lebenden Landsleuten. In der Schweiz besteht die euro- paweit grösste tibetische Gemeinschaft, sie zählt rund 2 000 Personen. Dieser rege kulturelle und unterstüt- zende Austausch zwischen den Tibetern in der Schweiz und denjenigen in Liechtenstein ist gerade für die hier gestrandeten Flüchtlinge sehr wichtig. Am 19. Februar 1994 feierten sie zum ersten Mal in Liechtenstein ihr «Losarfest», das in der tibetischen Kul- tur bedeutungsvolle Neujahrsfest. Organisiert wurde 
die- 
Ankunftssituation und erste Massnahmen im Oktober 1993 Am Freitag, den 8. Oktober 1993 überquerten die 18 tibetischen Flüchtlinge (acht Männer, fünf Frauen und fünf Kinder) die liechtensteinische Landesgrenze.54 Ihre Helfer teilten ihnen mit, dass sie sich direkt an den Für- sten von Liechtenstein auf Schloss Vaduz wenden sollen, um ihm persönlich ihren Asylantrag zu übergeben. Der Brief, datiert vom 3. Oktober 1993, war von den Helfern in englischer Sprache abgefasst worden und richtete sich an die Regierung Liechtensteins.55 Der damalige Leiter des Amtes für Soziale Dien- ste, Richard Biedermann, nahm sich der 18 tibetischen Flüchtlinge an und brachte sie vorerst provisorisch im Pfadfinderheim in Schaan unter.56 Die Flüchtlinge ver- brachten dort die ersten zwei Nächte. Richard Bie- dermann nahm mit dem Verein «Tibet-Unterstützung Liechtenstein» Kontakt auf und bat ihn, sich um diese Personen zu kümmern. Der Verein «Tibet-Unterstützung Liechtenstein» übernahm diese Aufgabe vollumfänglich. Namentlich die Vereinsmitglieder Emmi und Katrin Sprenger, Irmi Schreiber und Hansjörg Quaderer betreuten in der Folge die 18 Flüchtlinge aus Tibet. Bereits Mitte Oktober 1993 konnten die Flüchtlinge provisorisch im Bildungshaus Gutenberg in Balzers untergebracht werden. Grosszü- gigerweise wurde dann den Flüchtlingen von privater Seite in Balzers eine unbewohnte 3½-Zimmer-Wohnung angeboten. Man stelle sich das vor: 18 Personen auf ein paar Quadratmetern zusammengepfercht. Doch die Be- wohner schickten sich demütig in diese Situation hinein. Von privater Seite engagierten sich in Balzers vor allem der mittlerweile verstorbene Balzner Gemeinderat Ni- kolaus Nipp sowie Theres Büchel. Sie waren anfänglich dafür besorgt, dass die elementarsten Bedürfnisse der Flüchtlinge abgedeckt wurden. Balznerinnen und Balz- ner schenkten den Tibetern manchmal Esswaren wie Gemüse und Brot, aber auch Kleidungsstücke, Bettwä- sche, Geschirr und sogar Möbelstücke. Nikolaus Nipp arrangierte mit Bäckern und Lebensmittelhändlern, dass das abends Übriggebliebene günstig an ihn abgegeben wurde. Der Verein «Tibet-Unterstützung Liechtenstein» er- hielt von verschiedenen Seiten der Bevölkerung auch finanzielle Beiträge, zweckbestimmt für die Versorgung 
Integrationszeit in Liechtenstein54  Hier und im Folgenden nach den Jahresberichten des Vereins «Tibet-Unterstützung Liechtenstein» 1993 bis 1999 sowie nach einem Interview mit Rita Nipp aus Balzers vom 15. September 2001. 55  VBI Entscheid Nr. 1998/3 vom 21. September 1998, S. 2 und Re- gierungsentscheid RA 94/4420 vom 30. No-vember 1994, S. 2. 56  Regierungsentscheid RA 94/4420 vom 30. November 1994, S. 2. Akteneinsicht durch Jeannette Good am 9. Oktober 2001. Kapitel_3_Frick_Good.indd   8426.07.11   13:45
        

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