Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
110
Erscheinungsjahr:
2011
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_110/72/
74Frick Nadja/Good Jeannette: Vertrieben aus der 
Heimat 
Gründung der «Autonomen Region Tibet» 1965 Nicht einmal zwei Jahrzehnte nach der illegalen Beset- zung durch China sollte das tibetische Territorium nicht mehr das sein, was es einmal war.44 
Am 9. September 1965 schuf China die «Autonome Region Tibet». Von nun an bestand Tibet nicht mehr aus den drei Provin- zen Ü-Tsang, Kham und Amdo, sondern nur noch aus Ü-Tsang und dem westlichen Teil von Kham, der neu geschaffenen «Autonomen Region Tibet». Dies hatte zur Folge, dass Tibet ungefähr auf die Hälfte seines ehema- ligen Territoriums zusammenschrumpfte. Der östliche Teil von Kham gehörte von nun an zu den chinesischen Provinzen Sichuan und Yünnan. Was die Provinz Amdo betraf, so benannten die Chinesen einen Teil in Qing- hai um, den anderen fügten sie ihren Provinzen Gansu und Sichuan hinzu. Aus Sicht der Chinesen besteht Tibet heute nur noch aus der «Autonomen Region 
Tibet». Weitere Unruhen bis 1993 Die tibetische Widerstandsorganisation Chushi Gang- drug, welche sich in der Region Mustang (Nepal) an der Grenze zu Tibet aufhielt, überfiel jahrelang Militärbasen und Geleitzüge der Chinesen.45 Hierbei wurde Chushi Gangdrug über Jahre hinweg von den USA unterstützt. Nachdem sich aber die US-Amerikaner immer mehr den Chinesen angenähert hatten, zog sich die USA aus ihrer Hilfestellung zurück. Die Chinesen forderten nun den Dalai Lama immer wieder auf, dafür zu sorgen, dass Chushi Gangdrug aufgab. Um ihrer Forderung Nach- druck zu verleihen, liessen sie sogar, zwecks Unterbin- dung des Nachschubs aus Nepal, die Grenze zu Mustang sperren. Darauf gab der Dalai Lama Chushi Gangdrug schliesslich den Befehl, die Waffen schweigen zu lassen. 1974 händigte sodann der Grossteil der Widerstands- kämpfer seine Waffen dem nepalesischen Militär aus. In der Folge wurden viele von ihnen von den Nepalesen erschossen oder nahmen sich selbst das Leben. Trotz- dem blieb Chushi Gangdrug noch ein paar Jahre darüber hinaus aktiv. Im Zusammenhang mit der anhaltenden chinesischen Besetzung und einer Vorsprache des Dalai Lama beim amerikanischen Kongress, worüber die chinesische Re- gierung sehr entrüstet war, kam es Ende September 1987 
aus, wenn sie bei Hausdurchsuchungen auf Waffen stiessen. Buddhistische Mönche nötigten sie zu harter in- humaner Arbeit, Nonnen deportieren sie in chinesische Militärbordelle. Jeden Tag wurden Hunderte von Tibe- tern in der Öffentlichkeit ausgepeitscht. Klöster, Tempel und Kultstätten wurden zerstört, religiöse Gegenstände zu besitzen war ein schweres Vergehen. Doch auch die Bewegungsfreiheit der Tibeter in ihrem eigenen Land wurde praktisch aufgehoben. Als Abschluss eines harten Arbeitstages hatten Ti- beter abends noch an den von den Chinesen ins Leben gerufenen «Thamzings» teilzunehmen. Dort mussten sie gegen ihren Willen die eigenen Eltern, Verwandten und sogar Freunde beschimpfen und schlagen. Dies führte bei vielen zu irreparablen Schädigungen der Sinnesorgane.41 Im Verlaufe der «Grossen Proletarischen Kulturrevo- lution»42 führten die Chinesen sowohl in China als auch in Tibet «einen fanatischen Kreuzzug gegen alles Tradi- tionelle und Religiöse».43 Tibeter, die ihre Fensterbank mit Blumen verzierten oder Haustiere hielten, wurden für spiessbürgerlich gehalten. Tibeter, die es wagten, ihre Haare und ihre Kleider nach tibetischer Tradition zu tra- gen oder ihr Haus anlässlich des Neujahrsfestes zu kal- ken, machten sich eines schweren Vergehens schuldig. Infolge Kollektivwirtschaft, welche die chinesischen Be- satzernach dem Volksaufstand von 1959 eingeführt hat- ten und die nun weiter vorangetrieben wurde, mussten tibetische Bauern und Nomaden ihre gewohnte Lebens- weise aufgeben. Fast alle Klöster und Tempel, welche die Chinesen nicht bereits zerstört hatten, wurden im Zuge der Kulturrevolution dem Erdboden gleichgemacht. Angeblich um die Tibeter vor den Problemen einer stark anwachsenden Bevölkerung zu schützen, versu- chen die Chinesen – mit illegalen Mitteln – auch heute, den tibetischen Nachwuchs einzudämmen. Zu diesem Zweck führen sogenannte mobile Geburtenkontroll- teams Schwangerschaftsabbrüche durch oder machen zahlreiche Frauen, die sich im gebärfähigen Alter be- finden, unfruchtbar. Dabei ist es egal, in welchem ge- sundheitlichen Zustand sich die Frauen befinden oder wie viele Kinder sie bereits auf die Welt gebracht haben. Meist geschieht dies sogar, ohne dass die Frauen etwas davon wissen. Frauen, die sich einem Schwangerschafts- abbruch unterziehen müssen, tragen oftmals seelische Schäden davon, denn ein Lebewesen zu töten ist ein Verbrechen für die Tibeter. Kapitel_3_Frick_Good.indd   7426.07.11   13:45
        

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