Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
110
Erscheinungsjahr:
2011
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_110/68/
70Frick Nadja/Good Jeannette: Vertrieben aus der 
Heimat 
China die Herrschergewalt über Tibet besass. In den folgenden Jahren verschlechterte sich die Situation in Tibet immer mehr. 1956 brach deshalb im Osten des Landes ein Guerillakrieg aus. Dies führte nach anfäng- lichen Erfolgen der Guerillas dazu, dass China 1957 die Präsenz der Soldaten noch verstärkte.32 Am 1. März 1959 suchten zwei chinesische Offiziere den Dalai Lama auf, um ihn zum Besuch einer Theate- raufführung im Hauptquartier der chinesischen «Volks- befreiungsarmee» in Lhasa zu gewinnen. Auf Wunsch des Dalai Lama sollte diese Aufführung am 10. März 1959 stattfinden. Ein chinesischer Brigadier befahl darauf, der Dalai Lama solle «ohne seine übliche Begleitung, ohne Leibwache und unter strengster Geheimhaltung»33 zur Theateraufführung kommen. Zudem erlaubte er keinem – bis auf einen oder zwei unbewaffnete – Tibeter, dem Dalai Lama zur Theateraufführung zu folgen. Diese selt- same Vorgehensweise beunruhigte die tibetische Bevöl- kerung. Diese befürchtete, dass die Chinesen den Dalai Lama entführen wollten. Um dies zu verhindern, ver- suchten sie, den Dalai Lama von der Teilnahme an der Theateraufführung abzuhalten. Frühmorgens belagerten deshalb Tausende von Tibetern die Sommerresidenz des Dalai Lama. Dies geschah jedoch nicht nur zum Schutz des Dalai Lama, sondern auch im Zeichen eines aufkei- menden Widerstandes gegen die chinesische Besatzung. Die tibetische Regierung gab darauf bekannt, dass sie die Gültigkeit des «17-Punkte-Abkommens» von 1951 nicht anerkenne. Zudem legte sie den Chinesen nun nahe, Ti- bet zu verlassen. Als am 17. März 1959 chinesische Sol- daten zwei Granaten abschossen, beschloss der Dalai Lama, nach Indien zu fliehen. In der Folge brach ein grausamer Krieg zwischen den Tibetern und den Chinesen aus, welcher sich in jeder Hinsicht zuungusten der Tibeter auswirkte. Nachdem die Chinesen die Regierung Tibets am 28. März 1959 for- mell aufgelöst hatten, gründete der Dalai Lama, noch auf seiner Flucht nach Indien, eine tibetische Exilregierung. Gleichzeitig dementierte er zum zweiten Mal die Gültig- keit des «17-Punkte-Abkommens». 
die tibetische Armee. Am 7. November 1950 erfolgte schliesslich ein Hilferuf seitens der Tibeter an die UNO. Diese hatte jedoch alle Hände voll mit dem Korea-Krieg zu tun und entschied deshalb, in der Angelegenheit Tibets vorerst nichts zu unternehmen. Angesichts der prekären Lage übertrugen die tibe- tische Nationalversammlung und die tibetische Regie- rung dem fünfzehnjährigen Vierzehnten Dalai Lama am 17. November 1950 die religiöse und politische Macht. Rund einen Monat später floh er aus Lhasa, auf Anra- ten des Staatsorakels und auf Wunsch des Ministerrates, welche beide eine Flucht aufgrund der derzeitigen Situa- tion für angezeigt hielten. In der Absicht, Friedensgespräche zu führen, begab sich im Februar 1951 eine tibetische Delegation in die chinesische Hauptstadt. Sie hatte jedoch keine Befug- nis, Verträge abzuschliessen. In Peking aber warteten ihr die Chinesen bereits mit einem vorgefertigten Ab- kommen, dem «17-Punkte-Abkommen», auf. In diesem Abkommen wird Tibet einerseits als Teil Chinas behan- delt, anderseits wird Tibet – paradoxerweise – in in- nenpolitischen Bereichen das Selbstbestimmungsrecht zugestanden. Nachdem die Chinesen den tibetischen Abgeordneten gedroht hatten, die chinesische «Volksbe- freiungsarmee» würde Lhasa zur bedingungslosen Kapi- tulation zwingen,29 
falls sie das «17-Punkte-Abkommen» nicht anerkannten, unterzeichneten die Tibeter jenes am 23. Mai 1951. Für die Chinesen war und ist dieses Abkommen der Nachweis ihres angeblichen Anspruchs auf 
Tibet. Weitere Ereignisse bis zum Volksaufstand von 1959 Am 9. September 1951, kurz nach der Heimkehr des Vierzehnten Dalai Lama, hielten 3 000 Soldaten der chinesischen «Volksbefreiungsarmee» Einzug in Lhasa; im Dezember wurden bereits über 20 000 chinesische Soldaten gezählt.30 Diese machten sich bei der tibe- tischen Bevölkerung rasch unbeliebt, denn u.a. erleich- terten sie die Tibeter um grössere Mengen Gerste, was zu einer Versorgungskrise in der tibetischen Bevölkerung führte.31 Im Frühjahr 1954 schlossen China und Indien einen Freundschaftsvertrag ab. Darin akzeptierte Indien, dass Kapitel_3_Frick_Good.indd   7026.07.11   13:45
        

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