Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
110
Erscheinungsjahr:
2011
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_110/66/
68Frick Nadja/Good Jeannette: Vertrieben aus der 
Heimat 
Verpflichtung ein, die territoriale Integrität des Landes Tibet zu respektieren und sich nicht in die Verwaltung des «äusseren Tibets» einzumischen. China verpflich- tete sich ferner, Tibet nicht in eine chinesische Provinz umzuwandeln, keine chinesischen Kolonien in Tibet ein- zurichten und keine Truppen in das «äussere Tibet» zu entsenden. Grossbritannien verpflichtete sich seinerseits, Tibet weder ganz noch teilweise zu annektieren, keine Truppen in Tibet zu stationieren und auch keine Kolo- nien dort einzurichten.23 Am 27. April 1914 unterzeichneten die Vertreter der drei Vertragsparteien den Vorschlag Grossbritanniens. Bereits am darauf folgenden Tag jedoch verleugnete die chinesische Regierung ihren Vertreter Yifan Zhen und lehnte es ab, den britischen Vorschlag zu akzeptieren. Da China keine Anstalten mehr machte, den ausgehandel- ten Kompromissvorschlag doch noch anzuerkennen, un- terzeichneten der Tibeter Lönchen Ganden Paljor Dorje Shatra und der Brite Arthur Henry McMahon am 3. Juli 1914 eine bilaterale Erklärung, welche die Einhaltung des am 27. April 1914 in Simla unterzeichneten Vorschlags für Tibet und Grossbritannien obligatorisch machte. China hingegen sollte aufgrund seiner Verweigerungs- haltung keinerlei Rechte auf tibetisches Gebiet zugespro- chen werden. Tibet behielt somit seine gesamte Staats- fläche, seine Unabhängigkeit sowie seine Hoheitsgewalt. Entscheidend ist, dass Grossbritannien mit Unterzeich- nung der bilateralen Erklärung vom 3. Juli 1914 einmal mehr das Selbstbestimmungsrecht Tibets anerkannte.24 In den Jahren 1917/18 griffen chinesische Truppen Ti- bet erneut an, jedoch ohne das Land erobern zu können. Der britische Vizekonsul Eric Teichmann vermittelte zwischen beiden Kriegsparteien. Seine Bemühungen mündeten in ein Waffenstillstands- und Grenzabkom- men. Dieses wurde von Tibet und China am 19. August 1918 unterzeichnet und am 10. Oktober 1918 durch ein Truppenentflechtungsabkommen ergänzt. Nun folgte für ein paar Jahre eine friedliche Zeit- spanne für Tibet. Doch als der Dreizehnte Dalai Lama am 17. Dezember 1933 starb, brach für die Tibeter wie- derum eine Zeit der Ungewissheit an, denn in seinem Testament hatte er die kommenden Ereignisse bereits prophezeit. Das Verhalten der Chinesen lieferte eine Vorahnung zukünftiger Schwierigkeiten für Tibet: Un- ter dem Vorwand, ihr Beileid über den Tod des Dalai Lama bekunden zu wollen, reiste 1934 eine chinesische 
Tibet».18 
Damit wurde der Eindruck vermittelt, China habe eine Verfügungsbefugnis über Tibet. Die tibetische Regierung betrachtete dieses Abkommen jedoch nicht als bindend. Am 13. Februar 1913 verkündete der Dreizehnte Dalai Lama schliesslich – die Oberhoheit der Mandschus über Tibet war 1912 mit dem Sturz des Kaiserhauses beendet – die Unabhängigkeitserklärung Tibets. Er ergriff jedoch keine völkerrechtlichen Massnahmen, um zukünftigen ausländischen Ansprüchen zu 
trotzen. Entwicklung bis zum Einmarsch der chinesischen «Volksbefreiungsarmee» Nach der Unabhängigkeitserklärung Tibets herrschte einerseits Krieg zwischen Tibet und China, und ande- rerseits plante Grossbritannien ein Ende seiner mili- tärischen Eingriffe in Tibet. Grossbritannien drängte jedoch zuerst auf einen Friedensabschluss, da das Land sonst seine Handelsbeziehungen mit Tibet gefährdet sah. Auf britische Initiative hin trafen sich Vertreter von Tibet, Grossbritannien und China im Oktober 1913 zu einer Konferenz im nordindischen Simla.19 Ziel dieser Konferenz war ein gemeinsames Abkommen. Alle drei Länder entsandten hochrangige Beamte zur Konferenz. Der tibetische Ministerpräsident Lönchen Ganden Paljor Dorje Shatra ergriff als erster das Wort und stellte klar, dass Tibet das Abkommen zwischen Grossbritannien und der Mandschu-Regierung vom 27. April 1906 nicht anerkenne und er fügte hinzu, dass Tibet in Zukunft weder chinesische Soldaten noch chinesische Siedler in seinem Land akzeptiere. Der Vertreter Chinas, Yifan Zhen, behauptete jedoch, China sei seit 1793 
20 im Besitze der Hoheitsgewalt über Tibet. Zur Beilegung dieses Kon- flikts schlug Grossbritannien eine Kompromisslösung vor: «ein relativ breiter Streifen Osttibets»21 soll China zugewiesen werden, die restliche Staatsfläche hingegen soll in ein «inneres Tibet», bestehend aus östlichen und nördöstlichen Landesteilen, und ein «äusseres Tibet», be- stehend aus Zentral- und Westtibet sowie den Gebieten von Kham und Amdo geteilt werden.22 Dieser Vorschlag enthielt stillschweigend die Anerkennung einer Ober- herrschaft Chinas über grosse Teile Tibets, andererseits aber auch die Anerkennung der Unabhängigkeit des «äusseren Tibets». Zudem gingen England und China die Kapitel_3_Frick_Good.indd   6826.07.11   13:45
        

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