Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
110
Erscheinungsjahr:
2011
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_110/6/
8Vogt Wolfgang: Der Aufbau der Krankenversicherung in 
Liechtenstein 
Einleitung Aufbau und Fragestellung Liechtenstein verfügt seit den 1970er Jahren über ein hervorragend ausgebautes und im internationalen Ver- gleich dennoch erstaunlich kosteneffizientes Sozialver- sicherungswesen.1 Doch die Wurzeln der Sozialversiche- rung reichen weiter zurück als jene des wirtschaftlichen Wohlstands. Und die Grundsteine für die heutigen so- zialstaatlichen Errungenschaften wurden in einer Zeit gelegt, in der Armut und wirtschaftlich bedingte soziale Probleme eine Vorsorge und Sicherungspolitik zu einer Notwendigkeit machten. Anhand der Entwicklung der Krankenversicherung in Liechtenstein werden in dieser Arbeit beispielhaft die vielfältigen Schwierigkeiten im Aufbau eines sozialen Sicherungs- und Vorsorgesystems aufgezeigt. Die Zeit- spanne reicht dabei von den ersten Krankenversiche- rungen in der Textilindustrie um 1870 bis zur Festigung der Bindungen zur Schweiz in der Folge des Zollvertrags von 1924. Die Krankenversicherung ist dabei gemeinsam mit der phasenweise eng an sie gebundenen Unfallversi- cherung2 lange Zeit die einzige Form sozialer Vorsorge in Liechtenstein.3 Andere Versicherungszweige wie bei- spielsweise die Altersvorsorge, die Arbeitslosen- oder die Invalidenversicherung werden daher auch im Hin- blick auf den Untersuchungszeitraum ausgeklammert, einzig die Unfallversicherung ist aus genanntem Grund am Rande ebenfalls Teil der Betrachtungen.4 Dabei sollen die verschiedenen Akteure, von staat- licher, institutioneller und privater Seite genauer be- leuchtet und wo möglich Motive dargelegt werden. Zu beachten ist die Kleinheit Liechtensteins. Bemühungen um eine Krankenversicherung des Landes können nicht verstanden werden, ohne dabei die Entwicklung der Nachbarländer Österreich und Schweiz, mit denen Liechtenstein in seiner Geschichte untrennbar verbun- den ist, im Auge zu behalten. Dabei soll gezeigt werden, dass Liechtenstein einerseits nicht völlig losgelöst von Österreich oder der Schweiz agieren konnte, dass aber zugleich spezifisch liechtensteinische Bedingungen für eine eigenständige Entwicklung der Krankenversiche- rung sorgten. Ich versuche im Verlauf der nach Themen gegliederten Kapitel zu zeigen, dass der Weg zum mo- dernen Sozialstaat keine einheitliche und klar zielgerich- tete Entwicklung nahm, sondern dass an verschiedenen Punkten Rückschläge eingesteckt werden mussten, Mo-delle 
scheiterten oder zu wenig Problembewusstsein vorhanden war. Die Einleitung legt den Aufbau der Arbeit dar und soll anhand eines kurzen Überblicks über die hauptsächlich verwendete Literatur zugleich eine Orientierung zum derzeitigen Forschungsstand bezüglich des Themas ge- ben. Dies geschieht sowohl in Bezug auf Literatur, die spezifisch die Situation in Liechtenstein betrachtet, als auch etwas erweitert mit Zuhilfenahme wichtiger For- schungen zur mitteleuropäischen Geschichte der Kran- kenversicherung. Die Quellenlage wird in einem geson- derten Abschnitt ebenfalls kurz dargestellt. Als letzter Punkt des einleitenden Teils folgt ein kurzer Abschnitt zur besseren Kontextualisierung des Themas innerhalb der Geschichte Liechtensteins. Der Hauptteil der Arbeit ist in vier grob chronolo- gisch und thematisch geordnete Abschnitte aufgeteilt. Die Ausgangslage der Untersuchung ist dabei die in Liechtenstein sehr spät einsetzende Industrialisierung. Erst in den 1860er Jahren siedelten sich erste Industrie- betriebe im armen und ländlichen Liechtenstein an. Mit der Industrialisierung des Landes wurde die Errichtung sozialer Vorsorgesysteme, insbesondere der Kranken- und Unfallversicherung notwendig. Ein erster Abschnitt beschäftigt sich daher mit den ersten Krankenversiche- rungen in Form verschiedener Betriebskrankenkassen. Liechtenstein hatte 1865 eine sehr liberale Gewerbe- ordnung erlassen, in der die Arbeitnehmer kaum ge- schützt waren. Bis zur überfälligen Novellierung dieses Gesetzes 1910 gab es in Liechtenstein keine gesetzlichen Regelungen der Krankenversicherung. Doch wurden zuvor auf Eigeninitiativen der Unternehmer in der Textilindustrie noch im 19. Jahrhundert erste Betriebs- krankenkassen errichtet. Als erste Krankenversicherung Liechtensteins wurde 1870 eine Unterstützungskasse für die erkrankten und verunglückten Arbeiter der Mecha- nischen Weberei Vaduz ins Leben gerufen. Im Laufe des Jahrzehnts folgten weitere Kassen in den anderen Tex- tilfabriken des Landes. Trotz dieser Initiativen und einer Beteiligung der Betriebe an der Versicherung waren je- doch nur Minimalleistungen gewährleistet und zudem wurden manche Leistungen der Betriebskassen nach kurzer Zeit bereits wieder eingestellt. Die im ersten Abschnitt behandelten Betriebskran- kenkassen blieben für über 20 Jahre die einzigen Kran- Kapitel_1_Vogt.indd   826.07.11   13:44
        

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