Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
110
Erscheinungsjahr:
2011
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_110/26/
28Vogt Wolfgang: Der Aufbau der Krankenversicherung in 
Liechtenstein 
in seinen Statuten zu verankern. 1912 kam es zwar zu einer Statutenänderung, jedoch ohne Anpassung an die in der Gewerbeordnung vorgeschriebenen Mindest- leistungen.174 Dies war insofern bemerkenswert, weil die Regierung gemäss Gewerbeordnung von 1910 zur Durchsetzung des Versicherungsobligatoriums für alle Arbeitnehmer auf die Unterstützung der einzigen ak- tiven und der Allgemeinheit zugänglichen Krankenversi- cherung im Land angewiesen war. Die Regierung nahm diesbezüglich Verhandlungen mit dem allgemeinen Krankenunterstützungsverein auf, die sich jedoch als schwierig erwiesen. Vorläufig war der Krankenunterstüt- zungsverein nicht bereit, seine Statuten entsprechend der neuen Gewerbeordnung abzuändern und er konnte somit nicht als offiziell anerkannte Krankenversicherung dienen. Zusätzlich zu den Verhandlungen versuchte der Landtag auch finanziell Druck auf den Verein auszuüben, indem die jährlichen Landessubventionen für die kom- menden Jahre an die Abänderung der Statuten im Sinne der Gewerbeordnung von 1910 gekoppelt wurden. Eine erste Anfrage der Regierung um Zusammenschluss des Vereins mit der 1912 gegründeten Genossenschaftskran- kenkasse und um Aufnahme aller Arbeiter ohne Rück- sicht auf ihr Alter und ohne Beibringung eines ärztlichen Zeugnisses war vorläufig nicht durchzusetzen.175 
Der Krankenkassenverein forderte staatliche Defizitgarantien und obwohl er zugleich seit Jahren Landessubventionen bezog, musste 1912 dennoch eine Genossenschaftskran- kenkasse gegründet werden. Landtag und Regierung versuchten in der Folge darauf hinzuwirken, dass eine Vereinigung der Genossenschaftskrankenkassa mit dem Krankenunterstützungsverein zu Stande käme, aber alle dahingehenden Verhandlungen blieben vorläufig erfolg- los. Als Anreiz für den Verein, sich mit der neu gegrün- deten und allein kaum tragfähigen Genossenschaftskran- kenkasse zu vereinigen, wurde gar eine Verdoppelung der jährlichen Subventionen in Aussicht gestellt.176 Dem gegenüber standen aber auch klare Forderungen an den Verein: Aufnahme der neuen Mitglieder ohne Einschrän- kung in Bezug auf ihr Alter und ohne Beibringung eines ärztlichen Zeugnisses, Erlass der Eintrittsgelder und Aufhebung der Frist, in der Neumitglieder noch nicht bezugsberechtigt waren.177 Die Landtagskommission mutmasste, dass sich der Krankenunterstützungsverein durch finanzielle Zuwendungen sicherlich überstimmen lasse. Dies traf dann aber nicht 
ein.178 
gutgeheissen, zugleich der Beschluss gefasst, die Männerkassa aufzulösen mit dem Beding bis zum 1. November 1911 Ihren Verpflichtungen nachzukommen, dann die übrigen Kronen je nach Einzahlungen unter die Mitglieder zu verteilen.»168 Im Gegensatz zum Männer-Krankenverein der We- berei in Triesen wurde der Männer-Krankenverein der Spinnerei Jenny, Spoerry & Cie. in Vaduz nicht aufge- löst. Der Verein erhielt im Oktober 1913 neue Statuten, die nach einigen Anpassungen durch den Gewerbein- spektor auch genehmigt wurden.169 Obwohl dabei die Leistungen verbessert wurden, mussten die Statuten des Männer-Krankenvereins nicht an die Gewerbeordnung angepasst werden; denn er stellte nur eine Zusatzver- sicherung zum ohnehin bestehenden Krankenversiche- rungsobligatorium in Form einer Mitgliedschaft in der Fabrikkrankenkasse dar. Über ein Jahr nach dem Inkrafttreten der neuen ge- setzlichen Regelung zur Krankenkasse passte schliesslich auch die Weberei Rosenthal die Statuten ihrer Betriebs- krankenkasse der neuen Gewerbeordnung an.170 Damit hatten sich die drei Betriebskrankenkassen zwar teil- weise mit Verspätung, aber dennoch erfolgreich an die neu geltenden gesetzlichen Bestimmungen angepasst. Obwohl so eine wesentliche Verbesserung der Versiche- rungsleistungen erreicht war,171 
gab es auch weiterhin Konflikte und Mängel bei den Fabrikkassen. Der neue Gewerbeinspektor Eberl legte zum Beispiel der Firma Rosenthal aufgrund der hohen und weiter ansteigenden Reserven der Krankenkasse eine Reduzierung der Mit- gliederbeiträge oder eine Erhöhung des im Krankheits- fall zu leistenden Taggeldes nahe.172 Daraufhin verteidi- gte die Betriebsleitung die bisher gewährten Minimallei- stungen: «Eine Ermässigung der Beiträge, der dann möglicherweise später leicht wieder eine Erhöhung folgen müsste, würde un- ter der Arbeiterschaft, die jetzt an die Beitragsleistung von 2 % gewohnt und zufrieden ist, nur Unwillen erregen, wäh- rend andererseits nach unserer Meinung eine Erhöhung der Taggelder nur Anreiz zur Simulation & ungebührlicher Aus- nützung der Krankenkassa mit sich bringen würde.»173 Als letzte im Land aktive Krankenkasse verblieb noch der «Freiwillige allgemeine Kranken-Unterstützungs- verein für das Fürstentum Liechtenstein», welcher sich der Gewerbeordnung nicht angepasst hatte. Der Ver- ein war aber vorläufig auch nicht bereit, die Leistungs- erhöhungen und weiteren gesetzlichen Bestimmungen Kapitel_1_Vogt.indd   2826.07.11   13:44
        

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