Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
110
Erscheinungsjahr:
2011
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_110/120/
122Rezensionen 
Die Berliner Villa in Dahlem verkaufte Bieber 1937 um 315 000 Reichsmark. Er konnte den überwiegenden Teil seines finanziellen Vermögens, auch aus dem Hausver- kauf, zwischen 1935 und 1937 noch ins Ausland trans- ferieren, mit Genehmigung der deutschen Devisen- behörde. Auch ein Teil der Villen-Einrichtung durfte noch in die Schweiz ausgeführt werden, als Eigentum der «Arierin» Josephine Bieber. Von Maroggia aus liess Bieber aus dem in Deutschland verbliebenen Vermögen über Vertrauenspersonen immer wieder Geldbeträge an jüdische Hilfs- und Auswanderungsstellen anweisen, ebenso an jüdische Verwandte, erst an deren Wohn- orten, dann auch noch an ihre Ghettoisierungsorte in Polen. Liechtensteinische Einbürgerung 1938 Die Biebers waren weiterhin deutsche Staatsangehörige. Die Aussichten, Schweizer Bürger zu werden, waren ge- ring. Da bot sich die Möglichkeit, sich wie manche andere vermögende Ausländer im Fürstentum Liechtenstein, das eng mit der Schweiz verbunden war, einbürgern zu lassen. Siegfried Bieber reichte am 15. Dezember 1937 sein Einbürgerungsgesuch über die Anwaltskanzlei Dr. Ludwig Marxer an die Regierung in Vaduz und zugleich an die Gemeinde Schellenberg ein, samt Vermögens- nachweis der Schweizerischen Kreditanstalt Zürich und drei Referenzadressen. Ihn empfahlen Nestlé-Präsident Edouard Muller, Vevey, dazu Armand Dreyfus, Vize- präsident des Schweizerischen Bankvereins, Zürich, und Carl Brumann, ehemaliger Kreditanstalt-Filialdirektor. Die Schellenberger Gemeindeversammlung, der Landtag und Fürst Franz I. erteilten im Dezember 1937 innert Tagen die Zustimmung zur Einbürgerung – Land und Gemeinde waren in der Krisenzeit um das Geld froh. Siegfried und Josephine Bieber zahlten zusam- men 68‘500 Franken, nämlich 25 000 Franken an die Gemeinde Schellenberg, 12 500 Franken an das Land, 1 000 Franken Verwaltungsgebühr sowie 30 000 Franken Kaution an die Landesbank. Darauf erhielten sie am 10. Januar 1938 die liechtensteinischen Reisepässe. Diese liechtensteinische Staatsbürgerschaft war, wie Erika Schwarz zu Recht sagt, «eine Lebensversicherung von besonderer Art» und alsbald ein «Schlüssel» für den Zu- gang nach Übersee. 
fieren, im exklusiven Auto des Typs «NAG Torpedo Doppelphaeton K 5». Standesgemäss sammelten die Biebers auch Kunst. Beim Berliner Galeristen Paul Cas- sirer und in München erwarben sie wertvolle Bilder. 1929 kaufte Bieber in Brandenburg in der Nähe des Städt- chens Fürstenberg das weitläufige Landwirtschafts- und Jagdgut «Dahmshöhe», er liess dort ein neues Schloss errichten, gedacht als Land- und Alterssitz. Ein Verwalter mit Angestellten betrieb die ausgedehnte Landwirtschaft. Hier verbrachte das Paar jährlich einige 
Monate. Rückzug und Fluchtstationen Mit dem Machtantritt Hitlers 1933 wurde alles anders, auch für den nun 60-jährigen jüdischen Bankier Siegfried Bieber und seine 59-jährige Frau Josephine und ebenso für die beiderseitig verzweigten Verwandtschaften. Schritt für Schritt gab Bieber seine geschäftliche Tätigkeit auf und setzte sich aus dem Dritten Reich ab, um Leben und Gut zu retten. 1934 trat er als Geschäftsmitinhaber, 1935 auch als Verwaltungsrat der Berliner Handels-Ge- sellschaft zurück. Bis 1938 waren dann alle «Nichtarier» aus der Bank ausgeschieden. Schon 1935 zogen Bieber und seine Frau nach Amsterdam. Nun galten sie den Reichsbehörden als Emigranten. Biebers geschätztes Vermögen in Deutsch- land betrug 1935 rund 2,7 Millionen Reichsmark. Davon hatte er an das Reich 25 Prozent (672 000 Reichsmark) als «Reichsfluchtsteuer» zu entrichten. Als «Devisenaus- länder» konnte das Ehepaar Bieber indes auch über das in Deutschland zurückgelassene Eigentum, darunter das Haus in Berlin-Dahlem und das Gut Dahmshöhe, nicht mehr frei verfügen. Kontos und Depots wurden in «Aus- wanderer-Kontos» und «Auswanderer-Depots» umge- wandelt, jede Bewegung darauf unterlag der Bewilligung der Devisenbehörde. Doch verfügte Bieber auch über Vermögen im Ausland. Auch das niederländische Amsterdam erschien Bieber zu unsicher. Schon nach einem Jahr verlegte das Ehepaar 1936 den Wohnort in die Schweiz, zuerst nach Lugano, dann ins Dorf Maroggia am Ostufer des Luganersees, wo Bieber eine Villa mit Seeanstoss erwarb. Die Biebers rei- sten öfter, so im Sommer 1936 ins tschechoslowakische Karlsbad, im Herbst des gleichen Jahres über Genua nach New York und zurück. Kapitel_4_Hagmann.indd   12226.07.11   13:46
        

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