Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
110
Erscheinungsjahr:
2011
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_110/111/
113 Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein, Jahrbuch Band 110, 
2011 
weise einer NS-Machtübernahme entschlossen, insbe- sondere auch zur Beseitigung einzelner NS-Exponenten im Lande. Der 1942 offenbar auf äusseren Druck hin er- folgte Ausschluss bzw. die Nichtaufnahme jüdischer Mit- glieder trübt das hehre Bild allerdings 
etwas. Verhallter Ruf nach «Säuberung» bei Kriegsende Mit dem Kriegsende war die Zeit der «Säuberung», der Abrechnung mit den NS-Anhängern gekommen. Spreng- stoffanschläge auf Häuser von bekannten Nationalso- zialisten Anfang Mai 1945 verursachten Sachschäden. Ein «Aktionskomitee heimattreuer Liechtensteiner» ver- langte Mitte Mai die Bestrafung der als «Landesverrä- ter» bezeichneten Liechtensteiner Nazis und löste damit eine Pressekontroverse aus: Das «Volksblatt» warf dem «Vaterland» vor, in den Kriegsjahren zu den einheimi- schen NS-Umtrieben geschwiegen zu haben. Am Schaa- ner Lindenplatz wurden von NS-Gegnern ein symbo- lischer Galgen und Plakate mit Vorwürfen und Forde- rungen nach «Säuberung» aufgestellt. Im Juni 1945 stellte die Regierung Grundsätze zur Säuberungsfrage vor: Bei strafbaren Handlungen sollte mit rechtlichen Mitteln vorgegangen werden, gegen Ausländer – bei Missbrauch des Gastrechts – zusätzlich auch fremdenpolizeilich. Insgesamt wurden 26 deutsche Nationalsozialisten aus- gewiesen. Der 1946 wiederaufgenommene Putschprozess endete mit der Verurteilung von sechs Hauptangeklag- ten zu Kerkerstrafen. Von der 1940 eingesetzten VDBL- Führung wurde einzig Landesleiter Alfons Goop, der die gesamte Verantwortung auf sich nahm, gerichtlich zur Rechenschaft gezogen und zu einer Zuchthaus- strafe von zweieinhalb Jahren verurteilt – dies 
«stiess auf Kritik und Unverständnis, damals wie auch später». Die VU-Politiker alt Regierungschef Gustav Schädler und Ludwig Hasler wurden wegen Spionage zu Ge- fängnisstrafen verurteilt, während Alois Vogt, der zweite Mann in der Regierung, nur knapp einer Mini- steranklage entging. Im Interesse eines friedlichen Zu- sammenlebens in der kleinräumigen, vielfach verfloch- tenen liechtensteinischen Gesellschaft und weil letztlich «nichts» passiert war, verzichtete man aber auf eine grosse 
Abrechnung.Aussenpolitik: 
Lavieren zwischen der Schweiz und dem Reich Die Aussenpolitik war durch die besondere geopolitische Lage zwischen der neutralen, demokratischen Schweiz und dem kriegführenden, totalitären Grossdeutschland bestimmt. Hauptziele waren, das Land neutral aus dem Krieg heraushalten und die Selbständigkeit bewahren, die Bevölkerung schützen und ernähren, die Wirtschaft in Gang halten sowie liechtensteinische und fürstliche Interessen im Ausland schützen. Die Beziehungen zu andern Staaten liefen meist über die Schweiz, welche das Land diplomatisch vertrat und auch die Liechten- steiner Bürger im Ausland betreute. Am 30. August 1939 gab Liechtenstein eine Neutralitätserklärung für den Kriegsfall ab. Die Schweiz beobachtete Liechtenstein während der Kriegszeit mit Misstrauen, versuchte aber zu vermeiden, das Land durch Erschwernisse in die Hände des Reiches zu treiben und die deutschen Behörden zu provozieren. Mit der Kontrolle des Grenzverkehrs sollte verhindert werden, dass eine für die deutsche Spionage geeignete Lücke entstand. Das Misstrauen richtete sich vor allem gegen die in Liechtenstein lebenden Drittausländer, für welche 1940 faktisch ein polizeilich-militärisches Vi- sumsverfahren eingeführt wurde. Die Einbindung in die Schweizer Kriegswirtschaft bestimmte den Grossteil der bilateralen Aktivitäten. Als Teil des Schweizer Wirtschaftsraums war das Land in den Wirtschaftsabkommen, welche die Schweiz mit Dritt- staaten aushandelte, mit eingeschlossen. Liechtenstein strebte vor allem eine wirtschaftliche Besserstellung ge- genüber der Schweiz an. Ein Fremdenpolizeiabkommen, welches den Liechtensteinern die freie Arbeitsaufnahme in der Schweiz zusicherte, kam aber erst Anfang 1941 zustande, nachdem Liechtenstein eine von der Schweiz geforderte Loyalitätserklärung abgegeben hatte. Das Ab- kommen entzog den Liechtensteiner «Anschluss»-Befür- wortern ein wichtiges Argument und diente der Schweiz zur engeren Anbindung des Landes. Die direkten Beziehungen zum Reich bewegten sich auf der Ebene kleinerer, aber nicht unwesentlicher Be- lange, weil durch jede zwischenstaatliche Vereinba- rung unausgesprochen Liechtenstein als eigenständiges Staatswesen anerkannt wurde. Der engste amtliche Ver- kehr lief über das deutsche Konsulat in Zürich, das auch Kapitel_4_Hagmann.indd   11326.07.11   13:46
        

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