Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
110
Erscheinungsjahr:
2011
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_110/105/
107 Historischer Verein für das Fürstentum Liechtenstein, Jahrbuch Band 110, 
2011deutsche 
Truppen die Kampfhandlungen ins Land hinein tragen sollten. Das Schreiben wurde in Buchs einem französischen Offizier übergeben. Gegen den zu erwartenden Ansturm von Flücht- lingen wurde die Grenze zu Deutschland in den letzten Kriegsmonaten mittels Stacheldrahtverhau gesichert, Hilfspolizei und Schweizer Grenzwacht verstärkt und alle Grenzübergänge ausser Scha- anwald geschlossen, wo bis am 3. Mai rund 10 000 Personen verschiedener Nationalitäten die Grenze überquerten, darunter entlassene Kriegsgefangene, ehemalige Zwangsarbeiter und befreite KZ-Insas- sen, die nach kurzer Verpflegung Richtung Buchs weitergeleitet wurden. Kollaborateure, Deserteure und NS-Funktionäre wurden von den Schweizer Grenzorganen – sofern erkannt – abgewiesen, darunter Pierre Laval, der später hingerichtete Ministerpräsident von Vichy-Frankreich. Nach der kampflosen Einnahme Feldkirchs erreichten die Franzosen am 4. Mai 1945 die Landesgrenze, womit der Krieg für Liechtenstein zu Ende 
war. Im Schatten der NS-Verbrechen Untrennbar verbunden mit dem Zweiten Weltkrieg ist die von den Nationalsozialisten systematisch betriebene Vernichtung der europäischen Juden. Obwohl auch in Liechtenstein ein latenter Antisemitismus verbreitet war, fanden während der NS-Zeit insgesamt rund 400 jüdische Flüchtlinge vorübergehend oder dauerhaft Auf- nahme im Land. Ab Ende 1941 begann die Landespresse über den sich anbahnenden Massenmord zu berichten, allerdings weniger explizit als der benachbarte «Werden- berger & Obertoggenburger». Im Februar 1942 erfolgte eine geheime Intervention des SS-«Judenreferats» gegen Liechtenstein wegen dessen an- geblich judenfreundlichem Verhalten, worin verlangt wur- de, 
«diese unhaltbaren Zustände in dem kleinen Land zu besei- tigen».Der deutsche Generalkonsul Hermann Voigt in Zürich beschwichtigte, worauf dieser forsche Versuch, das Land in den Vernichtungsprozess einzubeziehen, versandete. 1943 wurde Valeska von Hoffmann, eine in Meran lebende eingebürgerte Liechtensteinerin, als gebürtige Jüdin deportiert. Sie überlebte, wohl auch weil sie Liech- 
droht war. Auch die Gründe für die Kriegsverschonung waren die gleichen wie für die Schweiz. Im Falle eines Angriffs hätte die Schweiz Liechtenstein nicht verteidigt, ausser wenn der Angriff zugleich der Schweiz gegolten hätte. Das Fürstentum lag direkt im Schussfeld der Fe- stung Sargans, dem östlichen Réduit-Bollwerk, profitierte zugleich aber auch von deren Abschreckungswirkung. Seit dem «Anschluss» Österreichs war Liechten- stein nie mehr ungefährdet, die tatsächliche Bedrohung stimmte aber nicht immer mit der damals empfundenen überein. Im Mai 1940, in einer von Besorgnis bis hin zu Angst und Panik geprägten Stimmung, wurde eine Eva- kuierung der Bevölkerung vorbereitet. Die gefährlichste Situation jedoch bestand nach dem Waffenstillstand mit Frankreich vom 22. Juni 1940, wenn man auch damals die unmittelbarste Gefahr schon für gebannt hielt. Gene- rell war die Gefährdung im Winter höher, wenn an den Fronten keine Grossoperationen im Gange waren. Auf deutsches Drängen ordnete die Regierung ab 1940 bis 1944 wie in der Schweiz die Verdunkelung an, um alliierten Bombern die Orientierung zu erschwe- ren. Gegenüber der Bevölkerung wurde dies jedoch als Schutzvorkehrung «verkauft», gerade für Grenzregionen bedeutete sie aber eher eine Gefährdung. Als zur Schweiz hin durchlässiges Grenzgebiet vor den Toren der Festung Sargans stand Liechten- stein im Visier nachrichtendienstlicher Aktivitäten. Ne- ben militärischer Spionage von Seiten der deutschen «Abwehr» gab es auch von Gestapo und Sicherheits- dienst (SD) der SS betriebenen politischen und wirt- schaftlichen Nachrichtendienst. Insgesamt sind 113 Personen aktenkundig, welche nachrichtendienstlich tätig waren. Wegen militärischer Spionage gegen die Schweiz wurden drei Liechtensteiner zum Tode verurteilt und einer davon hingerichtet. Als Informanten der Gestapo in Feldkirch und des SD in Stuttgart betäti- gten sich neben Liechtensteiner Nationalsozialisten wie Martin Hilti auch prominente Vertreter der Vaterlän- dischen Union wie alt Regierungschef Gustav Schädler und der stellvertretende Regierungschef Alois Vogt. Mit dem nahenden Kriegsende stieg die Gefahr des Übergreifens der Kampfhandlungen auf Liechten- steiner Gebiet. Am 2. Mai 1945 richtete Regierungschef Hoop – ungeachtet des Neutralitätsbekenntnisses – ein schriftliches Gesuch an den zuständigen französischen General Béthouart, Liechtenstein Hilfe zu leisten, falls Kapitel_4_Hagmann.indd   10726.07.11   13:46
        

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