Herausgeber:
Jahrbuch des HVFL
Bandzählung:
110
Erscheinungsjahr:
2011
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000326952_110/10/
12Vogt Wolfgang: Der Aufbau der Krankenversicherung in 
Liechtenstein 
Erste betriebliche Krankenkassen in der Textilindustrie Bis zum In-Kraft-Treten einer neuen Gewerbeordnung im Jahr 1910 gab es in Liechtenstein keine gesetzlichen Regelungen betreffend die Krankenversicherung. Trotz- dem gab es in Liechtenstein bereits zuvor erste Kranken- versicherungen, die auf Eigeninitiativen in der Textilin- dustrie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zurück- zuführen sind. So wurde als erste Krankenversicherung bereits 1870 eine «Unterstützungs-Cassa für erkrankte und verunglückte Arbeiter der Mechanischen Weberei Vaduz»30 ins Leben gerufen. Im Laufe der Zeit folgten zwei weitere betriebliche Kassen, womit ab 1891 alle drei grossen Industriebetriebe im Land ihre Arbeiter mittels firmeneigener Kassen gegen Krankheit versicherten. Trotz dieser Initiativen und einer Beteiligung der Unter- nehmer an der Finanzierung der Kassen wurden dabei jedoch nur Minimalleistungen gewährleistet und zudem wurden manche der Leistungen der Betriebskassen nach kurzer Zeit bereits wieder eingestellt. Auf den folgenden Seiten sollen die Betriebskrankenkassen als erste Kran- kenversicherungen in Liechtenstein genauer betrachtet, ihre Ursprünge untersucht und ihre Entwicklung darge- stellt werden. Dabei liegt der Fokus auch auf der Rolle der ab 1886 in Liechtenstein tätigen österreichischen Gewerbeinspektoren. Es sollen anhand der Berichte der Gewerbeinspektoren auch Unzulänglichkeiten der Ver- sicherungen dargestellt werden. Zudem wird auf Kon- flikte zwischen den betriebseigenen Versicherungen auf der einen und den Arbeitern beziehungsweise der staat- lichen Kontrolle auf der anderen Seite eingegangen. Mit dem Abschluss eines Zollvertrags mit Österreich im Jahre 185231 
war das grösste Hindernis für eine Indus- trialisierung Liechtensteins, der fehlende Zugang zu den interessanten europäischen Märkten, beseitigt. Darüber hinaus bot das Land gerade für Schweizer Unterneh- mer eine einzigartige Möglichkeit, die österreichischen Zollmauern zu umgehen.32 Dennoch waren die 1850er Jahre noch geprägt von ersten zaghaften Versuchen der Industrialisierung des Landes, welche aber allesamt scheiterten.33 Erst mit dem Engagement österreichischer und vor allem schweizerischer Textilunternehmer in Liechtenstein ab 1860 kann von einer erfolgreichen In- dustrialisierung des Landes gesprochen werden.34 
Diese Anfänge der Industrie in Liechtenstein waren gekenn- 
terbewegung.25 Zugleich mit diesem noch bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung begann sich auch die Zivil- gesellschaft in Liechtenstein nach dem Ende des Absolu- tismus zu formieren. Im Verlauf der 1860er Jahre wurden die ersten Vereine im Land gegründet. An erster Stelle stand auch in Liechtenstein ein Leseverein, der sich 1861 konstituierte, doch schon in den folgenden Jahren kam es zu einer ganzen Reihe von Neugründungen, welche die Basis für ein später ausgenommen stark ausgeprägtes Vereinswesen legten.26  Die ab den 1890er Jahren gegrün- deten Hilfskassen und Versicherungsvereine konnten also in der Vereinsform auf ein im Ausland bereits er- folgreich erprobtes und im Inland ebenfalls bereits be- kanntes Organisationsmodell zurückgreifen. Ab 1878 erschien zudem regelmässig eine Zeitung, das Liech- tensteiner Volksblatt, in dem auch amtliche Kundma- chungen publiziert wurden. Die Verwaltung des Landes erfolgte über einen vom Fürsten eingesetzten Landesverweser als Regierungs- chef und seinem kleinen Stab.27  Das Parlament hatte legislativ aber nur sehr eingeschränkte Kompetenzen, der Fürst behielt das Sanktionsrecht und blieb alleiniger Souverän. Erste Gesetze im Sinne einer Sozial- oder Ge- sundheitspolitik betrafen vor allem das Sanitäts- und das Armenwesen.28 
 1865 wurde zudem ein Versicherungs- obligatorium für Wohngebäude gegen Feuer erlassen, eine Massnahme, die den seit den 1830er Jahren als er- sten Versicherungen in Liechtenstein tätigen österrei- chischen Brandversicherungen Auftrieb gab. Ab 1860 erwarb eine Reihe von Versicherungen eine Konzes- sion zur Geschäftsaufnahme in Liechtenstein. Neben der Brandversicherung bestanden seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts Viehversicherungen und erste Le- bensversicherungen in Liechtenstein.29 Die erste Kran- kenversicherung wurde jedoch erst 1870 in der Industrie gegründet, für eine breitere Bevölkerung zugänglich gab es eine Krankenversicherung sogar erst 1894. Trotz der erwähnten sozialpolitischen Massnahmen ist einschrän- kend zu bemerken, dass die Sozialpolitik in den ersten Jahren unter der konstitutionellen Verfassung keine Pri- orität hatte. Trotz aller seit den 1860er Jahren gemachten Fortschritte blieb das Land im Vergleich zu seinen Nach- barregionen in vielfacher Hinsicht 
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