DIE GRENZSITUATION LIECHTENSTEINS IM ZEITLICHEN UMFELD DES ERSTEN WELTKRIEGES 
  
Vertreter allerdings nicht entsprechen. Als Zugeständnis erreichte Liechtenstein immerhin, dass 
die Sichtvermerke für den kleinen Grenzverkehr mit dem Kanton St.Gallen von den Bezirksäm- 
tern Werdenberg ausgestellt werden konnten und für alle Passierstellen des Bezirkes galten.?® 
Im November 1920 bewilligte das Eidgenössische Politische Departement nach Rücksprache mit 
dem Justiz- und Polizeidepartement gegenüber Liechtenstein ein „besonderes Entgegenkom- 
men“. In der Schweiz und in Liechtenstein lebende liechtensteinische Staatsangehörige konnten 
ein Dauervisum zu beliebig vielen Einreisen in die Schweiz für die Dauer eines Jahres um zehn 
Franken erwerben. Dieses Dauervisum gewährte die gleichen Regelungen wie die mit Frankreich, 
England und mit anderen Staaten abgeschlossenen Spezialvisa. Die Bezeichnung „Spezialvisa“ 
wurde für Liechtenstein aber auf Anraten des Justiz- und Polizeidepartementes nicht verwendet, 
damit „nicht Österreich und Deutschland um eine Vereinbarung diesbezüglich einkommen“ wür- 
den.?9 Die fürstliche Regierung liess das gezeigte Entgegenkommen verdanken und versprach, 
Gegenrecht zu halten.? Die Kundmachung dieser Bestimmungen erfolgte in Liechtenstein am 
3. Januar 1921.3 
Auf den ı. Februar 1922 setzte der Schweizerische Bundesrat auf die Initiative Liechtensteins hin 
ein Abkommen im Kraft.? Nun konnten ,Angehórige* Liechtensteins mit einem gültigen Pass 
in die Schweiz einreisen.? Damit war das Passvisum zwischen der Schweiz und Liechtenstein 
aufgehoben. Für Personen, die zur Arbeitsannahme aus Liechtenstein in die Schweiz einreisten, 
galt aber weiterhin Visumszwang. Die liechtensteinische Regierung gewáhrte schweizerischen 
Staatsangehórigen Gegenrecht.? 
1923 folgten weitere Schritte in Richtung Abbau von Vorschriften im Grenzverkehr zwischen 
Liechtenstein und der Schweiz. Liechtenstein hob die Passvisa für die Einreise ganz auf, abgese- 
hen von der Einreise zu Arbeitszwecken.? Diese Massnahme galt nicht nur für Angehórige der 
Schweiz, sondern auch Österreichs und Frankreichs. Im Juli 1923 erleichterten Liechtenstein und 
der Kanton St.Gallen gegenseitig den kleinen Grenzverkehr. Ab dem r5. Juli 1923 hatten Passier- 
scheine eine Gültigkeitsdauer von drei Tagen und ermóglichten ein zweimaliges Übernachten. 
Aber auch diese Regelung erstreckte sich nicht auf Einreisen zu Arbeitszwecken. 
Die Beziehungen zur Schweiz hatten sich seit Kriegsende intensiviert und in der Frage der ge- 
genseitigen Einreisebestimmungen auf eine offenere Haltung hin entwickelt. Dies war auch da- 
durch bedingt, dass Liechtenstein den engeren wirtschaftlichen Anschluss an die Schweiz seit 
Kriegsende anstrebte. Für Liechtenstein war durch das teilweise Abschotten der Nachbarstaaten 
und durch die einschneidenden Massnahmen der Krieg führenden Staaten offenbar geworden, 
wie abhängig ein Kleinstaat werden konnte. Dies zeigte sich nicht nur im wirtschaftlichen, son- 
dern ebenso stark im aussenpolitischen Bereich. Mit dem Abschluss des Zollanschlussvertrages 
mit der Schweiz galten ab dem 1. Januar 1924 neue Vorschriften. Artikel 1 der Vereinbarung vom 
28. Dezember 1923 über die Regelung der fremdenpolizeilichen Beziehungen lautet: „An der 
schweizerisch-liechtensteinischen Grenze wird keine Grenzkontrolle ausgeübt.'*3* Auch im Vertrag 
28 LLA RE 1920/3991, 30. August 
1920; Kreisschreiben des Polizei- und 
Militárdepartementes des Kantons 
St.Gallen. 
29 BA E 2001(B)/2, Schachtel 5, 
Dossier B.11.243.2, Grenzverkehr mit 
Liechtenstein, 20. November 1920; 
Eidgenóssisches Politisches Departe- 
ment an Justiz- und Polizeidepartement. 
30 BA E 2001(B)/2, Schachtel 5, 
Dossier B.11.243.2, Grenzverkehr mit 
Liechtenstein, 1. Dezember 1920; Ge- 
sandtschaft Bern an Eidgenóssisches 
  
Politisches Departement. 
31 LLA RE 1920/5679. 
32 LLA Gesandtschaftsakten Bern, 
Schachtel 14, 12. Januar 1922; Ge- 
sandtschaft Bern an liechtensteinische 
Regierung. 
33 LLA Gesandtschaftsakten Bern, 
Schachtel 14, 12. Januar 1922; Eidge- 
nóssisches Politisches Departement an 
liechtensteinische Gesandtschaft Bern. 
34 LLA Gesandtschaftsakten Bern, 
Schachtel 14, 23. Januar 1922; Ge- 
sandtschaft Bern an Eidgenóssisches 
Politisches Departement. 
35 LLA Gesandtschaftsakten Bern, 
Schachtel 14, 19. März 1923; Ge- 
sandtschaft Bern an Eidgenössisches 
Politisches Departement. 
36 Gedruckte Vereinbarung, ohne 
Nummer, 28. Dezember 1923. Signiert 
von Giuseppe Motta für den schweize- 
rischen Bundesrat und von Emil Beck 
für die liechtensteinische Regierung. 
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