Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
47
Erscheinungsjahr:
2010
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000312286/15/
licher Meinung herausarbeitete und kritisierte. Fragwürdig, so Bour- dieu, sei insbesondere die Annahme, «dass alle Meinungen gleichwertig sind» (1993, 212). Genau das unterstelle aber die Meinungsforschung, wenn sie «Durchschnittsmeinungen» errechne. Sie produziere damit die Illusion, «dass es eine öffentliche Meinung als rein additive Summierung individueller Meinungen gibt; (...) diese öffentliche Meinung ist schlicht und einfach ein Artefakt, das die Funktion hat zu verschleiern, dass der Meinungsstand zu einem gegebenen Zeitpunkt ein System von Macht- und Spannungsverhältnissen darstellt und dass zur Wiedergabe des Mei- nungsstandes nichts weniger geeignet ist als eine Prozentangabe» (Bour- dieu 1993, 214). Durch ihre Verschleierungsfunktion werde die öffent - liche Meinung zum Machtmittel in der Hand der Herrschaftseliten, die jederzeit die Möglichkeit hätten, demoskopisch beweisen zu lassen: «Die öffentliche Meinung ist mit uns.» Demgegenüber wurde in Deutschland schon früh auf das «demo- kratische Potenzial» (Adorno 1952, zit. nach Kaase 1999) der demosko- pischen Erhebung der öffentlichen Meinung verwiesen, nicht zuletzt von Theodor W. Adorno. Es bietet den Menschen die Möglichkeit, ihre Ur- teile, Wünsche und Bedürfnisse nicht nur auf dem Stimmzettel geltend zu machen. Das demokratische Potenzial der Demoskopie zu entfalten setze freilich den demokratischen Umgang mit ihren Befunden voraus. In dieser Tradition argumentieren heute auch andere Autoren für das Ver- ständnis von öffentlicher Meinung als durch repräsentative Umfragen er- mittelte Bevölkerungsmeinung. Es könne nicht weiter bezweifelt wer- den, so schreibt Max Kaase, «dass Ergebnisse der politischen Umfrage- forschung als Information über die politische Meinungsbildung der Bür- ger ein wichtiges ergänzendes Element des politischen Prozesses in De- mokratien zwischen Wahlen unter dem Aspekt sind, dass auf diese Weise zusätzliche politische Artikulationschancen für die Bevölkerung eröffnet werden» (Kaase 1999). Das gilt umso mehr, als man heute auch empirisch gestützt behaupten kann, dass die am politischen Prozess massgeblich beteiligten Akteure öffentliche Meinung ganz überwiegend im demosko- pischen Sinne des Begriffs verstehen und sich entsprechend intensiv für die Meinungsforschung interessieren (Fuchs  /  Pfetsch 1996).415 
Öffentlichkeitstheoretische Grund lagen 4Das in Deutschland von Elisabeth Noelle-Neumann prominent vertretene sozialpsy chologische Verständnis des Begriffs, wonach öffentliche Meinung «wert- gela-
        

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