Reisen bildet - Wanderjahre 
Im kulturgeschichtlichen Rückblick lassen sich sehr verschiedene 
Formen des Reisens ausmachen. Üblicherweise wird mit der 
Renaissance die Entdeckungsreise und mit dem bürgerlichen Zeit- 
alter die Bildungsreise in Beziehung gebracht, wahrend der Jetzt- 
zeit der Tourismus zugeordnet wird. Würde man diese Einteilung 
feiner gliedern, wáre festzustellen, dass Form und Ziel des Reisens 
in ihrer Art und Bedeutung immer den Lebensstilen der jeweiligen 
Epochen entsprechen. So lásst sich eine Expedition kaum mit 
einer Pilger- oder Bildungsreise vergleichen. 
Reisen blieb bis ins 18. Jahrhundert einer gesellschaftlichen Min- 
derheit vorbehalten. Es war spezifischen Zwecken unterworfen, 
sodass auf den Strassen in erster Linie Soldaten, Kuriere, Staats- 
männer, Gelehrte, Studenten, Bettler, Pilger, Kaufleute, Spielleute, 
Kleriker, Handwerker und Verbrecher anzutreffen waren. Reisen, 
die keinem pragmatischen Zweck dienten, waren ein Privileg der 
herrschenden beziehungsweise wohlhabenden Klasse. Je stárker 
unter den nachrückenden sozialen Schichten die Zahl jener 
zunahm, die in der Lage waren, diesen Lebensstil nachzuahmen, 
desto mehr wurde das Reisen im Laufe der Zeit zur gesellschaftli- 
chen Normalität. 
Gedanken über die Art des Reisens 
Die Schriftsteller mit ihren Naturschilderungen und die Maler mit 
ihren Landschaftsbildern bereiteten die Reisenden darauf vor, wie 
Natur, Landschaft oder Kulturstätten «richtig» zu sehen und zu 
erleben seien. Und da das Wandern eine besonders dichte, sinnli- 
che Erfahrung verspricht, wird es zu einer wichtigen Übung in der 
kulturellen Praxis der Bürger. Letztlich steht für dieses lernende 
Reisen jenes goethesche Modell der bürgerlichen «Lehr- und Wan- 
derjahre» Pate, wonach die Erfahrung der Weite und die Vielfalt 
von Natur, Kultur und Gesellschaft, vor allem aber die Selbstfin- 
dung des eigenen Ich in der Fremde, als wichtigste Schule bürger- 
licher Charakterbildung dienen. Auch Egon Rheinberger hat diese 
wandernde Reiseerfahrung gemacht, war er doch des Öfteren zu 
Fuss unterwegs - natürlich nicht ausschliesslich. Falls vorhanden, 
nutzte er auch andere Fortbewegungsmittel wie beispielsweise das 
Schiff, so beschrieben in einem Brief, den er auf seiner Italienreise 
verfasste. 
Nachfolgend werden die eindeutig mit Quellen belegbaren Reisen 
Egon Rheinbergers beschrieben. Diese sind in zwei Bereiche 
Nicole D. Ohneberg 
Reisen bildet — Wanderjahre 
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