Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
45
Erscheinungsjahr:
2009
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000293176/115/
abspielte. Für die Mehrheit der Menschen waren Wohn- und Arbeitsre- gion identisch. Die Erwerbs- und Wohnlandschaften waren gleichzeitig Erholungslandschaft. Nur ein kleiner Anteil der Bevölkerung hatte die Möglichkeit, der Enge der Heimat zu entfliehen. Die Menschen mussten ihren Gegenalltag in jener Landschaft suchen, die auch ihr Alltag war. Die beschränkten Transportmöglichkeiten wirkten sich aber in einer noch viel existentielleren Weise aus. Der Mensch hatte nicht die Mög- lichkeit, sich woanders mit Lebensmitteln einzudecken. Seine Produkti- onslandschaft war immer auch seine Ernährungslandschaft. Die grosse Mehrheit der Menschen deckte ihre landschaftlichen Bedürfnisse also in ihrer engsten Umgebung ab und bei insgesamt tiefen Geschwindigkeiten. Wir müssen davon ausgehen, dass den damaligen Menschen das Vorhandensein ihrer Grenzen oftmals schmerzlich vor Augen geführt wurde. Es war ihnen wohl auch bewusst, wie direkt ihre Existenz von der Landschaft abhängig war. Dies hat das Verhalten dieser Landschaft gegenüber selbstverständlich beeinflusst. In dieser Situation wäre es eine grosse Torheit gewesen, die schönsten Ackerflä- chen zu überbauen. Der aus heutiger Sicht bewusste und schonungsvolle Umgang unserer Vorfahren mit der Landschaft geschah also nicht frei- willig, sondern aus praktischen Gründen und mangels anderer Möglich- keiten. Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts fallen diese Beschränkungen und Grenzen in kurzer Zeit. Der Mensch erlangt plötzlich neue Freiheiten, –in Bezug auf die räumliche Reichweite und die Mobilität, –in Bezug auf die Eingriffsmöglichkeiten und damit die Dimensionen von Bauten und Anlagen usw., – in Bezug auf die Verfügbarkeit von Gütern und Ressourcen. Dieses Wegfallen von landschaftsrelevanten Beschränkungen fand statt, ohne dass an deren Stelle neue Regeln traten. Und dort, wo Regeln ein- geführt wurden, kamen sie zu spät oder entfalteten eine geringe Wir- kung, weil sie die Dynamik des Landschaftswandels zu wenig berück- sichtigten. In Bezug auf die Landschaft hat die Gesellschaft also anders reagiert als bei anderen, vergleichbaren Entwicklungen. Im Zusammen- hang mit den genveränderten Nahrungsmitteln oder dem Einsatz von Stammzellen ist die Gesellschaft bemüht, Regeln zu entwickeln, die ei- nigermassen mit dem Wegfall von Beschränkungen Schritt halten. Ähn- liche Reaktionen kennen wir bei der Kernkraft.115 
Braucht der Mensch Landschaft?
        

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