richt versteht den Begriff «Natur der Sache» nicht im Sinne einer Natur- rechtslehre, wonach der für die Ordnung massgebliche Wertungsge- sichtspunkt aus den Seinsgegebenheiten herzuleiten wäre. Das heisst, es geht nicht darum, in Fortführung aristotelisch-thomistischer Traditio- nen von der vorgefundenen Wirklichkeit ein ihr immanentes ‹konkretes Naturrecht› abzuleiten.117Hinter dem Begriff «Natur der Sache» steht vielmehr der Gedanke, dass ein Gesetz einen relevanten Bezug zu sei- nem Regelungsgegenstand aufweisen muss, wobei der Regelungszweck vorgibt, welche Sachverhalte von der Regelung umfasst werden müssen. Es geht darum, die Tatsachen unter bestimmten Wertungsgesichtspunk- ten zu ordnen.118Zunächst muss ein vorher zu bestimmender Wertungs- gesichtspunkt feststehen, dann ist die daraus abzuleitende (zwingende) Sachgesetzlichkeit einer Regelung klar einsichtig, das heisst, es ist er- kennbar, ob der Gesetzgeber eine an der «Natur der Sache» orientierte (sachgerechte) Differenzierung vorgenommen hat.119Damit ist klar, dass das Kriterium «Natur der Sache» nicht ohne zusätzliche subjektive Wer- tungen angewendet werden kann. Hinter der Frage, ob eine der «Natur der Sache» entsprechende Differenzierung vorliegt, verbirgt sich immer die Frage, ob für eine Differenzierung überhaupt «gerechte» Gründe an- geführt werden können. Der Argumentationstopos «Natur der Sache» eignet sich nur beschränkt als Element, um den Gleichheitssatz zu kon- kretisieren und die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zu objektivieren.120Das Bundesverfassungsgericht sollte die «Gerechtig- 285 
Deutsches Bundesverfassungsgericht 117Vgl. dazu im Hinblick auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts Rinck, Gleichheitssatz, S.522f. mit Literaturhinweisen. 118Vgl. dazu Kallina, S. 19 ff.; Rinck, Gleichheitssatz, S. 523; Kirchhof, Gleichheitssatz, Rz210ff. Für die Schweiz siehe auch Thürer, Willkürverbot, S. 525 f. sowie Müller J. P., Grundrechte S. 468 f. 119Vgl. zu alldem Rinck, Gleichheitssatz, S. 521. 120Kritisch zur ausgedehnten Verwendung des Argumentationstopos «Natur der Sache» in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts Reiner Schmidt, der festhält: «Gegen den dargestellten ausgedehnten Gebrauch der Natur der Sache be- stehen Bedenken. […] denn an den Beispielen hat sich gezeigt, dass die Natur der Sache ohne hinzutretende Wertung keinen Massstab für die Zulässigkeit einer Dif- ferenzierung geben kann.» Schmidt, S. 404. Siehe auch die sehr kritische Bemerkung von Eugen Ehrlich, der ausführt, man müsse den Skeptizismus gegenüber dem Be- griff der «Natur der Sache» begreifen, und dazu feststellt: «denn es gibt vielleicht keinen [zweiten] Begriff in der Jurisprudenz, dessen Definitionen gleich nebelhaft wären und mit dem bei der praktischen Anwendung ein grösserer Missbrauch ge- trieben worden wäre.» Ehrlich, S. 511. In diesem kritischen Sinn ablehnend gegen-
        

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