Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
42
Erscheinungsjahr:
2007
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000266743/131/
keit. Eine wichtige Rolle bei der Bewahrung dieser Eigenständigkeit un- ter den verschiedensten politischen Konstellationen spielte sicherlich die geographische Lage des Fürstentums. Es hatte keine gemeinsame Grenze mit einem der grossen europäischen Nationalstaaten und war von daher weder der nationalen Mobilisierung noch der expansiven Tendenz der Nationalstaaten in dem Masse ausgesetzt wie jene Kleinstaaten, die un- mittelbar an grössere Nationen grenzten. Von den zwei direkten Nach- barn kam die Schweiz nicht in Versuchung, die Eigenständigkeit Liech- tensteins anzutasten, weil dies einen Konflikt mit Österreich bedeutet hätte; und Österreich war mit dem liechtensteinischen Fürstenhaus seit Jahrhunderten eng verbunden, unterhielt intensive politische und wirt- schaftliche Kontakte mit dem Fürstentum und sah von daher gar keine Notwendigkeit, dessen formale Souveränität zu beenden und sich das Gebiet einzuverleiben. Gleichwohl lässt sich im Fall von Liechtenstein ebensowenig wie bei Andorra, Monaco und San Marino eine historische Folgerichtigkeit konstatieren, welche die eigenständige Fortexistenz dieses Kleinstaats ohne Nation bedingt hätte. Wie so viele andere Kleinstaaten an der Pe- ripherie grösserer Nationen oder Reiche hätten auch die genannten Aus- nahmen bei diversen Gelegenheiten in grössere Staatswesen integriert werden können. Dass dies nicht geschah, kann nur als historischer Zu- fall betrachtet werden, bei dem zwar bestimmte geographische und po- litische Gegebenheiten hilfreich waren, der aber letzten Endes keiner all- gemeinen Regelhaftigkeit unterlag. Umgekehrt liefert das zufällige Überleben der Klein(st)staaten ein Argument dafür, bei der historischen Betrachtung das Element der Kon- tingenz stärker in Rechnung zu stellen, als es bisweilen geschieht. Die gängigen Epocheneinteilungen und -bezeichnungen, mit denen die For- schung danach strebt, die historischen Grundlinien und -strukturen auf einen Nenner zu bringen, suggerieren unvermeidlicherweise eine ge- schichtliche Uniformität, die es so gar nicht gibt. Weder wurde im «Zeit- alter des Absolutismus» ganz Europa absolutistisch regiert, noch be- stand im «Jahrhundert der Nationalstaaten» der ganze Kontinent aus Nationen, noch gab es im sogenannten «Zeitalter der Extreme»27des 135 
Kleinstaaten «ohne Nation» im 19. Jahrhundert 27Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. München/Wien 1995.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.