Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
42
Erscheinungsjahr:
2007
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000266743/116/
Ohne Anspruch auf systematische Analyse und Vollständigkeit seien hier einige Gemeinsamkeiten dieser drei grossen nicht-nationalen Reiche genannt, die ja gerade im Laufe des 19. Jahrhunderts in grosser machtpolitischer Konkurrenz standen. Alle drei Imperien wurden von alten Dynastien beherrscht, die sich der Konstitutionalisierung und Par- lamentarisierung weitgehend entzogen. Im österreichischen Kaisertum waren dies die Habsburger, deren Stammbaum bis ins 10. Jahrhundert zurückreichte. Seit dem 15. Jahrhundert war die Dynastie in nur einmal kurzfristig unterbrochener Kontinuität Träger der Kaiserwürde des Hei- ligen Römischen Reiches deutscher Nation gewesen, und sie hatte nach dem Untergang dieses Reichsgebildes zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein eigenes österreichisches Kaisertum begründet und auf diese Weise ihren imperialen Status gewahrt. Das russische Reich wurde seit 1613 von der Dynastie der Romanows beherrscht, und im Osmanischen Reich re- gierte seit Anfang des 14. Jahrhunderts die Dynastie der Osmanen – wo- bei beide einen dezidierten imperialen und expansionistischen Anspruch vertraten, der mit einer inneren Homogenisierung in nationalstaatlicher Form nicht zu vereinbaren war. Erst der Weltkrieg von 1914 bis 1918 bewirkte den Untergang die- ser drei Dynastien, und damit verbunden war auch das Ende ihrer mul- tiethnischen, politisch, sozioökonomisch und kulturell nicht national- staatlich verfassten Reiche. Aus deren Trümmern entstanden im Falle des Habsburger- und des Osmanenreiches in der Folge neue, wesentlich kleinere republikanische Nationalstaaten wie Österreich und die Türkei, sowie weitere, teilweise monarchisch, teilweise republikanisch regierte Nationen, die sich auf der Grundlage der separaten Ethnien bildeten, die nach dem Auseinanderbrechen der alten Imperien ihr Recht auf politi- sche Selbstbestimmung durchsetzten. Russland blieb hingegen auch nach dem Sturz der Romanows ein imperialer Vielvölkerstaat, in dem unter der Herrschaft des zentralistischen Kommunismus die separate Nationsbildung einzelner Nationalitäten bis 1989/90 mit ebensolcher Härte unterbunden wurde wie ehedem im Zarismus. Den politischen und weltanschaulichen Gegenpol zu den konser- vativ-reaktionären und anti-nationalen Grossreichen Mittel- und Süd- osteuropas bildete das liberale, parlamentarisch regierte Königreich Grossbritannien und Irland. Schon der Name macht deutlich, dass das «United Kingdom of Great Britain and Ireland» in seiner staatlichen Konstruktion keineswegs dem nationalen Paradigma des 19. Jahrhun- 120Jürgen Müller
        

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