Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
42
Erscheinungsjahr:
2007
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000266743/113/
seine Zielrichtung. Hatte es zuvor die Kleinen bedroht, bot es ihnen nun die Legitimation für die Forderung nach staatlicher Selbständigkeit. Selbst kleine ethnische Gruppen wie die Isländer und die Faröer erhiel- ten im Zeichen des nationalen Selbstbestimmungsrechts den eigenen Na- tionalstaat zugestanden.58 Nationalstaat und Kleinstaat galten nicht mehr als unvereinbar. Hier widerrief das Europa des 20. Jahrhunderts das neunzehnte. Aller- dings war dies ein Widerruf voller Gefährdungen; vor allem durch das nationalsozialistische Deutschland, aber auch durch das Sowjetimpe- rium. Diese Gefährdungen hatte Werner Kaegi vor Augen, als er 1938 die kleinstaatlichen «Massenkatastrophen» des 19. Jahrhunderts als Menete- kel für das zwanzigste beschwor, und ebenso sein Landsmann Karl Schmid, als er 1957 die Grossstaaten für «das grosse Kleinstaats-Sterben im 20. Jahrhundert»59verantwortlich machte. Die weiteren Entwicklun- gen konnten sie noch nicht kennen, und mit einem europäischen Eini- gungsprozess, der den Kleinstaaten neue Schutzräume bietet,60hatten sie nicht gerechnet. Ihr Blick blieb vom 19. Jahrhundert geprägt: ein feind- liches Jahrhundert für den Kleinstaat und den 
zusammengesetzten Staat in der Tradition des frühneuzeitlichen Europas.117 
Der europäische Kleinstaat im 19. Jahrhundert 58Miroslav Hroch: Der Kleinstaat in der europäischen Geschichte. Aussenpolitische Aspekte, in: Waschkuhn, Kleinstaat, S. 233–245, wertet diese beiden Fälle als Aus- nahmen (S. 243). 59Schmid, schweizerische Nationalität, S. 53. 60Dass aus der Perspektive von Kleinstaaten auch diese Form der Integration als Ver- nichtung gewertet werden kann, zeigt der Beitrag des Schweizers Andreas Kley in diesem Band – gewissermassen eine neue Station auf dem kleinstaatlichen Katastro- phenweg. Eine gesamteuropäische Gewinn- und Verlustrechnung wird aber den Faktor Staatenkrieg, der die Geschichte der Schweiz schon seit mehreren Jahrhun- derten nicht mehr belastet, zu bewerten haben: die EU als ein Raum, der Konflikte zwischen den Mitgliedsstaaten in ein innerstaatliches Regelungsverfahren überführt, das Gewalt als Handlungsinstrument ausschliesst und dies kollektiv garantiert. Krieg innerhalb der EU wäre nur noch als Bürgerkrieg, nicht mehr als Staatenkrieg denkbar.
        

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