Herausgeber:
Liechtenstein Politische Schriften
Bandzählung:
41
Erscheinungsjahr:
2006
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000263362/130/
scher Tag im April. Mein erstes Forschungsfeld ist das Kunstmuseum Liech tenstein in Vaduz. Ich bitte Sie, mich zu begleiten. Treten Sie also neben mir ins Museum ein. Ich stopfe meine Forschungswerkzeuge und die Pelerine in eines der Kästchen. Wir bezahlen die acht Franken fürs Billett und schreiten über die breite Holztreppe in den ersten Stock. Es ist feierlich hier, wie es sich für eine Kunstkirche gehört. Alles pickfein und architektisch radikal. Nur in den Fugen zwischen Treppe und Wand haben die Maler geschlampt. Wir stehen im ersten Saal. Mild scheint das Licht durch die Decke. Doch wir sind nicht hier wegen des Hauses. Wir sind hier wegen der Kunst und ich beginne: «Wer von Ortsbildern berichten soll, soll bei Kunst bildern Trost und Nahrung holen.» Kunst gibt es hier zurzeit in Form von Gemälden des irischen Amerikaners Sean Scully. Quadrate, schmale Rechtecke, aus mehreren Rechtecken zusammengesetzte Mehr - ecke. Aus Holz oder aus aufgespannter Leinwand. Geometrisch bemalt. Farbig. Die Anordnung der Bilder an den weissen Wänden zeigt die Ver - fahren und Gewohnheiten, wie die Menschen Bilder einzurichten und anzuschauen gelernt haben. Der Bilderaufhänger des Museums variiert Regeln, die aus einer Tradition gewachsen sind. Das macht den weissen, kühlen Saal heimelig. Wir finden uns in der Kunst zurecht. «Stellen Sie sich vor», sage ich zu Herrn Kieber, «alle Bilder wären in einer Ecke auf einen Haufen gelegt oder alle lägen regellos durch- und übereinander auf dem Boden – wir wären verloren und würden weder die Welt noch die Kunst begreifen!» Herr Kieber ist darüber erschro- cken, aber er nickt und gibt zu bedenken: «Eine Bedingung jeder Lek - türe ist aber, dass ich die Regeln des Bilderaufhängens lesen und verste- hen kann.» Das ist nicht schwierig hier im ordentlichen Kunstmuseum: Sachte variiert der Augenhorizont, routiniert balanciert der Bilder hän - ger die Abstände der Bilder von der Decke und dem Boden und er holt mich in meinen Vorstellungen von Spannung und Harmonie ab: Dafür dienen ihm Zwischenraum und Abstand, die er so wählt, dass das ein- zelne Bild einzeln wirken kann. Aber es wirkt vor allem als Teil eines Ganzen. Das ist der Unterschied zwischen dem einsamen Bild in der Villa eines reichen Menschen und dem öffentlichen Bild im Museum, ver eint in einem Ensemble unter seinesgleichen. Sie schreiten neben mir durch die drei Säle und studieren das Bil - der hängegesetz. Ich bleibe stehen und sage: «Das Ortsbild ist wie das Kunst bild. Es hat Gesetze, abgeleitet aus Traditionen. Befestigt in der 130Köbi Gantenbein
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.