Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1877
Erscheinungsjahr:
1877
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1877/84/
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Zur anberaumten Stunde versammelte sich im Hyde-Park 
rasch und ungestört eine gewaltige Menschenmasse — Hand- 
langer und Kürner, die Masse aber bestand aus schwer zu be 
schreibendem Jahn Hagel; solide Bürger ließen sich begreiflicher- 
weise zu diesem Auflaufe nicht herbei. Der Skandal begann. 
.Besser Gekleidete wurden niedergerannt, die Hüte angetrieben, 
auch schwere Mißhandlungen an Zuschauern verübt und Reden 
abgehalten. Ueber die gegen die Landesvertretung gerichtete 
Drohung hörte ich manche heftige Ausdrücke der tiefsten Em- 
pörung. Es mögen sich etwa 10,000 Menschen an dieser 
Demonstration betheiligt haben 
Um der befürchteten Gefahr zu begegnen, waren von der 
Regierung mehrere tausend Polizeibeamte, zu Fuß und zu Pferd, 
in der Nähe deS Kriegsministeriums und deS ParlamentShauieS 
aufgestellt. UeberdieS war die ganze Besatzung von London 
beordert, sich in den Kasernen nach 5 Uhr bereit zu halten. 
Im übrigen ließ man den durch den strömenden Regen stark 
verdünnten Menschenhaufen bis an Trafalgar Square heran. 
Dem Anführer John de Morgan und einigen seiner Genossen 
wurde bereitwilligst erlaubt (nach altem englischen BerfassungS- 
rechte) ine ParlamentSqebäude einzutreten, um an der „ Barre 
deS Unterhauses" zu sprechen und daS Anliegen vorzubringen. 
Gegen den hinter ihm herstürmenden Menschenknäuel bildete 
jedoch die Sicherheitsmannschaft einen undurchdringlichen Damm 
Scheußliches Gebalge und Gejohle war auch hier wieoer, 
an der TageS- oder vielmehr Nachtordnung, bis die Urheber 
der widerwärtigen Kundgebung auS dem ParlamemSgebäupe 
zurückkehrten und der Janhagel stch verlief. — 
Bon einer Auflösung deS englischen Parlamentes über 
diese fatale Geschichte, berichtet der Korrespondent jedoch nichtS! 
* . * 
* Die Nachwehen der Ueberspekulation zeigen 
sich so recht an einem Lorkommniß der letzten Tage. Am 30 
April fand nämlich die zweite exekutive Versteigerung deS neuen 
prachtvollen und großartigen BadhotelS in Konstanz statt. 
Dasselbe, um eine Million Mark ausgerufen (eS hatte ur- 
sprünglich zirka 2 Millionen Mark gekostet) konnte beim ersten 
Termine keinen Abnehmer finden. Beim zweiten Termine, bei 
dem auch Anbote unter dem Schätzungswerte angenommen 
wurden, trat als alleiniger Kaufsliebhaber, der Bevollmächtigte 
der württembergischen Sparkassa in Stuttgart aus, welchem um 
den unerhört niedrigen Preis von Hunderttausend Mark 
daS Anwesen zugeschlagen wurde. Hierauf folgte die Verstei- 
gerung der sammtlichen Fahrnisse, welche ebenfalls der genannte 
Bevollmächtigte um den SchatzungöpreiS von 229,798 Mark 
erstand. Die württemb. Lpartassa hat also das ganze Bad- 
hotel-Anwesen sammt Einrichtung um den fabelhaft billigen 
Preis von 329,798 Mark erworben; so viel haben seinerzeit 
die Fahrnisse allein gekostet — der Bau sammt Garten ist also 
rein weggeschenkt. 
Wie man hört, gedenkt die Sparkassa im Hinblick auf die 
voraussichtlich schwache Reisesaison daS Hotel diesen Sommer 
nicht zu eröffnen, sondern erst nächstes Jahr, wenn es ihr.bis 
dahin nicht gelingt, dasselbe unter der Hand zu verkaufen. 
# # 
* 
, — AuS Pera wird der „D. Ztg." von Konstant!'- 
nopel geschrieben: „Der Ausbruch der Pest in Mesopotamien 
ist kein Geheimniß mehr, daß aber auch der Flecktyphus sich 
zeigen würde, hatte man doch nicht geglaubt. Leider ist dem 
so. Derselbe wüthet in Konstantinopel in einer Art, daß zu 
befürchten steht, daß wir möglicher Weise bei aller Roth, die 
über uns kommt, noch in Quarantäne gelegt werden. Die 
Mortalität ist eine furchtbare. In jedem der Militärhospitäler 
starben seit längerer Zeit täglich 15'—20 Personen; man hatte 
versäumt, dieselben abzusperren. Die Todten begrub man so 
nachlässig, daß die Leichname kaum 2 Fuß tief zu liegen kamen. 
Und wie soll eS erst kommen, wenn etwa die Pest uns zuge 
führt wird und zu allem Unheil, daS kommen kann, auch noch 
das Elend und die Roth sich einstellen sollte, wie dieö nicht 
anders zu erwarten steht? Die Roth, welche bereits zur Zeit 
hier herrscht, ist nicht mehr klein zu nennen. Wovon sollen 
900,000 Menschen leben, wenn weder Geld, noch Verdienst 
und LebenSmittelvorrätbe vorhanden sind? Der größte Theil 
der Bewohner Konstant nopels lebt Jahr auS Jahr ein nur 
von der Hand zum Mund, und unter dieser Klasse der Be^ 
völkerung ist nicht Einer, der mehr im Hause baue, a!S waS 
gerade zum täglichen Lebensbedürfnisse gehört Wir Bewohner 
dieser Großstadt geben demnach einem großen Elende entgegen^ 
und eS ist dieserhalb keineswegs zu verwundern, wenn die 
Physiognomie KonstantinopelS eine düstere ist." 
* Schon in den nächsten Tagen erscheint in A. Hartleben'S 
Verlag in W i e n: Jllustrirte Geschichte des Orientalischen 
Krieges von 187fr— 77. Für daS Volk bearbeitet von Moriz 
B. Zimmermann. In prachtvoller Ausstattung — großem For 
mate — mit zahlreichen hübschen Illustrationen geschmückt, in 
zirka 20 bis 25 Lieferungen. Preis jeder Lieferung nur 25 kr. 
ö. W. ----- 40 Pf. Zu Lieferung 3 erhalten die Abnehmer als 
Graus-Beigabe eine in Farben ausgeführte große General- 
Übersichtskarte deS gesammten Kriegsschauplatzes in Europa 
und Asien. 
Diese illustrirte Geschichte des orientalischen Krieges von 
1876—77 wird eine getreue, völlig objektive, allen Parteien 
gerecht werdende Darstellung der Ereignisse sein; wie sie sich 
seit dem erneuten Wiederauftauchen der o ientatischen Frage im 
Südosten Europas abspielten: veS AufstandeS in der Herzegowina 
und in Bosnien, deS Kampfe6 mit Montenegro und Serbien, 
deS rusfisch'türklschen Konfliktes und Krieges, und fortschreiten 
an der Hand der Thatsachen bis zum Tage der Entscheidung. 
Die Vorgeschichte deS Krieges, die leitenden Persönlichkeiten 
mit ihren pikanten Charakteristiken, die vergeblichen Bemühungen 
der Diplomatie, die blutigen Bilder vom Schlachtfeld, dieses 
alles wird dem Leser in lebendigen Schilderungen vorgeführt, mit 
den hundert Einzelheiten, erhebender grauenhafter und oft rüh 
render Art, die niemals fehlen, wo die Fu'.ie des Krieges die 
Fackel schwingt. 
Wir empfehlen diese literarische Neuigkeit der besten Beach- 
tung und bemerken hiedei, daß dieses interessante, hübsch aus- 
gestattete KriegSwerk durch alle Buchhandlungen, t'owe auch von 
A. Härtleben, Buchhandlung, Wien I., Wallfischgasse t 
zu beziehe'» ist. 
Verantwortlicher Redakteur ».Herausgeber: vr. Rudolf Schadler. 
Thermometerstand nach Reaumur in Badnz. 
Monat 
Morgens 
7 Uhr 
Mittags 
12 Uhr 
Abenvs 
6 Uhr 
Witterung. 
Mai 
16 
+ 8 
+ 12 
+ H 
trüb 
tt 
17. 
+ 6 
+ 14% 
+ *4 
hell 
tt 
18 
+ 9V4 
+ 13% 
+ iov 2 
fast trüb; etw.Reg 
H 
19 
+ ?%<+ 10 
> 8% 
trüb 
n 
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+ 7% 
+ liV 2 
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halb hell 
H 
21 
+ 7% 
+ u 
+ 8 
trüb 
¥ 
22. 
+ 5 
+ 13 3 / 4 
+ tl 
halb hell. 
Telegrafischer Kursbericht von Wien. 
25. Mai Silber 112 90 
20-Frankenstück . . .... 10.32% 
100 ReichS-Mark . 63.35 
London 128.! 
Druck von Heinrick Graff in Feldkirch.
        

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