Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1877
Erscheinungsjahr:
1877
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1877/76/
eS waren damals noch jene Zeiten in Utah, da die weltkluge 
Abgeschlossenheit ihres „Reiches" die Mormonen jeder Unter- 
smhung ihres Thuns und Treibens entzog. Und doch war 
daS GeKeimniß der Bergwiesen ein zu grauenvolles, als daß 
eS nicht bis in eine neue Generation, in eine neue Aera hätte 
hineinleben sollen, als daß eS nicht schließlich doch die Behör- 
den der Vereinigten Staaten und die seitdem von ihnen über 
die Hierarchie Brigham Aoung'S erlangte Macht zur Unter- 
suchung, zur Kühne hatte aufrufen müssen. 
Bon jeher hatten sich alle Anzeichen dahin vereinigt, daß 
John D. Lee, ein Bischof der Kirche der „Heiligen der letzten 
$!afle", welcher seinen Wohnfitz in Beaver County, im Süden 
deS Territoriums, hatte, die Seele der Umhat gewesen sei. 
Seitdem eS den Vereinigten Staaten gelungen, ihre vollständige 
Autorität innerhalb dieses „hierarchischen Reiches" im Reich 
herzustellen, als welches Utah bis nach dem großen Bürger- 
kriege gewissermaßen bestand, hat sich auch die Aufmerksamkeit 
ihrer Organe immer wieder dem Bergwiesen-Geheimniß zuge- 
wendet, bis eS endlich.gelang, so starke Gründe gegen Lee zu 
finden, daß eS möglich wurde, ihn in Anklagezustand zu ver- 
setzen. DieS geschah am 24 September 1874. Der Prozeß 
selbst fand im Juli 18T5 statt, endete jedoch damit, daß die 
Geschwornen sich über einen Wahrspruch nicht einigen konnten. 
ES wurden in Folge dessen von den Behörden neue Beweis- 
gründe aufgestöbert, neue Zeugen aufgefunden, und mit ihrer 
Hilfe im Sommer 1876 ein neuer Prozeß eingeleitet Dieses 
Mal hatte sich das Material in einer Weise anfgehüuft, daß 
nicht nur endlich der Schleier von diesem blutigen Geheimniß 
gänzlich gelüftet, sondern auch die Verurtheilung Lee'S möglich 
wurde. DiefeS Urtheil lautete auf Erschießung und diese fand, 
obwohl der Wahrspruch noch einmal angefochten wurde, am 
Freitag den 23. März auf derselben Stätte statt, wo der 
Gräuel einst verübt wurde, und aus welcher seitdem ein dunk- 
leS Kreuz mit den Worten: „Die Rache ist mein!" des irdi- 
schen Gerechtigkeit den Weg gewiesen. 
Lee, der nach der That, welche hinterher von Brigham 
Aoung gutgeheißen worden, mit großer Schnelligkeit innerhalb 
der Kirche stieg, war dennoch seit Ende der sechSziger Jährt 
mii dem Papst in Salt Lake City zerfallen und schließlich sogar 
auS der Kirche ausgestoßen worden. 
ES ist kaum zu bezweifeln, daß die Furcht vor der end- 
lichen Enthüllung deS Bergwiesen-BerbrechenS einen Theil dcr 
Veranlassung dazu bildete, denn bis dahin hatte der Massen- 
Mörder stch nicht nur jeder hierarchischen Begünstigung zu er- 
freuen gehabt, eS wurden ihm auch irdische Güter aller Ärt 
von der allmächtigen Hand deS Propheten zugewiesen uns im 
Lauf weniger Jahre sogar achtzehn Frauen „angekegelt." Bis 
auf drei haben diese freilich den AuSgestoßenen seitdem ver- 
lassen. Um so treuer hat ihm daS gebliebene Kleeblatt bis zu 
seinem Tode angehangen. 
Lee ist unter Hinterlassung eineS Bekenntnisses zur Richt- 
statt gegangen. Nach diesem waren der Oberst der Mörmo- 
Ken-Miliz, Dame, und der Oberlieutenant Isaak C Haight 
die eigentlichen Urheber deS Gemetzels. Dasselbe sollte ur- 
sprünglich nur von den dazu geworbenen Indianern ausgeführt 
werden. Als sich jedoch auf deren Angriff hin die AuSwande- 
rer nach dem Verlust von 7 Todten und 16 Verwundeten in 
ihrem Lager befestigten, erklärte ein anderer der leitenden Gel- 
ster dieser Orgie von Verrach und Blut, ein Major Higby, 
daß nun zur List geschritten werden sollte. 
Am Morgen des zweiten TageS zogen die Auswanderer 
die weiße Flagge auf und lieferten sich damit dem'Verderben 
auS. Sie erklärten sich bereit, ihre Waffen auSzultefern, wenn 
man ihnen zusagen wollte, sie mit ihren Kranken und Verwun- 
beten abziehen zu lassen. Diese Zusage erfolgte. Sie lieferten 
ihre Waffen aus und schickten sich nach Beerdigung ihrer Todten 
an, ihre Wanderung nach Westen auf's neue aufzunehmen. 
Voran zogen die Frauen und Kinder, dann kamen die Kranken 
und Verwundeten in Wagen, die ihnen die Mormonen selbst 
gestellt. Zur Seite deS ZugeS und zum Schluß zogen die 
Männer. Nachdem sie eine halbe Stunde zurückgelegt hatten, 
wurden sie von den Indianern und 40 bis 50 Mormonen 
ereilt — und das Gräßlichste begann, um nicht eher zu enden, 
als bis der letzte Hilfeschrei auf den stillen Bergwiesen verhallt 
war und der Loden das über ihn verströmte Blut nicht mehr 
in sich zu^ trinken vermochte. 
Lee war der Führer der Mormonen gewesen und der Haupt- 
schlächter unter ihnen. Dame und Haight erschienen erst am 
anderen Tage aus der Gräuelstätte. Erst auf ihr Geheiß wur- 
den die Todten begraben, von denen viele in dem entsetzlichen 
Rausche deS Blutbades von ihren Mördern noch verstümmelt 
worden waren. DaS Gigenthum der Umgebrachten wurde auf 
Geheiß deS Kirchenvorstehers in Cedar City verkaust und daS 
Vieh nach dem Norden deS Territoriums getrieben. 
Man hat der Hinrichtung Lee'S dadurch einen besonderen 
Nachdruck zu geben vermeint, daß man ihn'an der Stätte seines 
Verbrechens erschossen. Etwas Poetisches mag darin liegen. 
Aber die Sensation, und selbst wenn sie noch so poetisch an- 
gehaucht wäre, sollte keinen Antheil an dem Thun der sühnen- 
den Gerechtigkeit haben. Die Schädelstätte der Bergwiesen hat 
durch das nun auch auf ihr ausgegossene Blut Lee'S nichts 
von ihrem Schrecken verloren, wohl aber ist dem Gefühl der 
Allgemeinheit, daß hter der unerbittliche Arm der Vergeltung 
gewaltet, ein halb sentimentaler, halb theatralischer Kitzel hinzu- 
gesellt worden, welcher sehr nahe daran kommt, die heilige Scheu, 
die eine derattige Vergeltung zuerst predigen sott, zu entweihen, 
zu verfälschen. (Köln. Ztg.) 
Berichtigung. In Nr. 17, Seite 67, Zeile 43 u. 40 
soll eS heißen „schwerkranken" anstatt „sterbenden" (Person). 
Verantwortlicher Redakteur ».Herausgeber: vr. Rudolf Schädler. 
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Druck von Heinrich Graff in Feldtirch.
        

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