Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1877
Erscheinungsjahr:
1877
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1877/7/
gierung im Ausland mißlangen, die Türkei unerwarteter Weise 
hinlänglich Geld fand um ihre Rüstungsausgaben baar in 
klingender Münze zu bezahlen. Die auf der russischen Bot- 
schast in Konstantinopel versammelten Bevollmächtigten haben 
sich, wie eS scheint, durch die wohlbekannte Geschicklichkeit deS 
Generals Jgnatieff etwas überrumpeln lassen, und die Vor- 
fchüge der Conferenz sind in Wahrheit in mehreren Punkten 
unannehmbar für die Pforte." 
Wenn die Verhältnisse der Türkei dieser Schilderung auch 
«ur annähernd entsprechen, so werden die Türken noch nicht 
so schnell nachgeben und einem „demüthigen Nachgeben" den 
Krieg mit Rußland vorziehen. So lange die Pforte sich als 
selbstständiger Staat fühlt, wird sie aber die Forderungen der 
Mächte, die ihre Selbständigkeit angreifen, zurückweisen, und 
dies dürfte dann schließlich doch den Krieg unvermeidlich machen. 
Deutschland. Die Verurteilungen gegen kathol. Bischöfe 
wegen ihres Widerstandes gegen die Maigesetze dauern unun- 
verbrochen fort. Gegen den Bischof von Ermlar.d ist vom Ober- 
Präsidenten v. Horn wegen Nichtbesetzung einer Pfarrstelle eine 
Strafe von 1000 Mark festgesetzt. Der Bischof von HildeS- 
heim ist im Laufe deS verflossenen Jahres zu nicht weniger als 
87,600 Mark Geldbuße verurtheilt worden. — 
Die Wahlbewegung ist nach den Zeitungsberichten ordent- 
lich im Gange. Jedoch scheint nach einer Korrespondenz der 
„AugSb. Allg. Ztg." mitunter eine ganz eigenthümliche Hand 
habung deS VereinSgesetzeS durch die Polizeiorgane gegenüber 
der CentrumSpartei stattzufinden. So wurde letzter Tage wie- 
der in Viersen (Rheinprovinz) eine von der CentrumSpartei 
veranstaltete Wählerversammlung von dem überwachenden Po- ( 
lizeikommissär deßhalb aufgelöst, weil ein Redner sich die scherz- 
hafte Aeußerung erlaubt hatte, daß Fürst Bismarck gewisser- 
maßen sein College sei, indem er, wie dieser, auch einmal in 
Bildern reden wolle. Und so etwaS kann sich in derselben 
Provinz wiederholen in der ein Polizeibeamter erst vor kurzer 
Zeit von oben herab einen Verweis darüber erhalten hatte weil 
von ihm gleichfalls eine Versammlung wegen der vom Abg. 
Majunke hingeworfenen Aeußerung geschlossen worden war: 
daß Fürst Bismarck doch auch ein sterblicher Mensch sei. Eine 
gleiche Befangenheit entwickelte an demselben Tage der Bür» 
germeister von Kettwig, indem er ebenfalls eine Wählerver- 
fammlung der CentrumSpartei auflöste weil der erste Redner 
mit der Verlesung deS von allen Zeitungen unbeanstandet ver- 
breiteten Wahlaufrufs dieser Partei dem Gesetz zu nahe getre- 
ten sei. Dergleichen Willkürlichkeiten machen am Rhein na- 
türlich nur böseS Blut. 
Neueste Nachrichten. 
Wien- 8. Jänner. Die „Polit. Corr." meldet aus Kon- 
stantinopel: Die Aussichten auf eine günstigere Wendung ha« 
ben sich nicht gebessert. Die Pforte verweigert beharrlich sogar 
die Einsetzung einer internationalen Commisston und den Mo- 
duS der Ernennung der Gouverneure von Bosnien, der Her- 
zegowina und Bulgarien, obwohl die Konferenz ihre Forderung 
bezüglich der Zurückziehung der türkischen Truppen in die festen 
Plätze und Hauptorte der genannten Provinzen aufgegeben. 
Jgnatieff sprach die Unmöglichkeit neuer Zugeständnisse aus und 
5 er Marquis von SaliSbmy miethete behufs seiner Abreise 
einen Lloyddampfer. 
Wien, 8. Jänner. Die Mächte verzichteten auch auf die 
Forderung, daß die Pforte ihre Truppen auS den christlichen 
Provinzen zurückziehen und aus die Festungen beschränken müsse. 
MarquiS von SaliSbury sagte: „Ich habe die Pforte nur 
forcirt behufs Verhütung eineS stärkeren Nachdrucks." 
Wien. 8. Jänner. Klapka, welcher im Auftrag deS Sul- 
tans die Armee infpizirte, fand 400,000 Mann marschbereit 
und eine Million Hinterlader. Nach dem „Pester Lloyd" hängt 
die Berufung deS Botschafters in Berlin, Grafen Karolyi, 
nach Wien mit türkischen Versuchen zusammen Oesterreich von 
Rußland ioSzulösen. — Die russische Division in Serbien 
wurde förmlich aufgelöst. Tschernajeffs zurückgelassene Effekten 
wurden licitando verkauft. 
Bern, 8. Jänner. Der Große Rath hat nach eingehen- 
der Berichterstattung ohne Diskussion die Anträge seiner Com- 
misston betreffs Erwerbung der Bern-Luzerner Bahn fast ein- 
stimmig genehmigt. 
Et. Petersburg, 9. Jan. Auch die letzte Sitzung der 
Conferenz brachte keine Entscheidung. ES zeigt sich immer 
mehr, daß die Pforte in der promulgirten Verfassung eine Ab- 
wehr gegen die Forderungen der Mächte sucht. Die Gränze 
der Concessionen ist dieSseitS erreicht. Ebenso erklärten die 
übrigen Mächte, daß sie an dem gemeinsamen Programm fest« 
halten. Die Pforte wurde nicht gedrängt, sie wird auch gegen- 
wärtig nicht gedrängt, aber an den in die mäßigste Form ge- 
brachten Forderungen der Großmächte wird festgehalten. 
Konstantinopel, 9. Jan. Ueber die gestrige Conferenz 
wird weiter gemeldet: Die Delegirten der Pforte hätten die 
Einsetzung einer internationalen Kommission und die Vorschläge 
bezüglich einer andern Eintheilung Bulgariens absolut abge- 
lehnt, dagegen sich nicht eben so absolut ablehnend zu dem 
modtsicirten Vorschlag über die Ernennung der Gouverneure 
verhalten; von den Delegirten der Mächte sei keinerlei Ulti- 
matum überreicht, auch keine Entscheidung erzielt worden; die 
Conferenz werde voraussichtlich im Laufe der Woche ihre 
Thäliqkeit schließen. 
Wien, 9. Jan. Die „Pottt. Corr." meldet auS Kon- 
stantinopel vom Heutigen: Der Verlauf der gestrigen Sitzung 
der Conferenz war unerwarteterweise ein nicht günstiger. Der 
italienische Bevollmächtigte Corti erinnerte die Vertreter der 
Pforte daran, daß sie die in dem Reformproject Andrassy'S 
mit inbegriffene Commisston angenommen hätten, während sie 
jetzt bloß die für ein Jahr in Aussicht genommene internatio 
nale Commisston zurückweisen. Der MarquiS v. SaliSbmy 
unterstützte Corti'S Ausführungen und hob hervor, daß die 
Vorschläge der Conferenz die principiellen Grundlagen deS eng- 
tischen Programms nicht überschreiten. Hieran knüpfte sich 
eine versöhnliche Verhandlung worin mancher Punkt principiell 
erledigt wurde. 
Wien, 9. Jan. Der MarquiS v. SaliSbury betonte in 
der gestrigen Conferenzsitzung die Übereinstimmung der letzten 
Conferenzanträge mit den ursprünglichen Vorschlägen Lord 
Derby'S, was eine Verständigung über die principielle An- 
nähme mehrerer Punkte förderte. 
Vermiedenes. 
* In Wien hat ein Maurergeselle seine kranke Mutter 
durch Erdrosselung ermordet und dann den Leichnam unter sein 
Bett versteckt, in dem er noch zwei Nächte schlief Nachher 
ging der Muttermörder mit zwei Gulden geraubten Geldes in 
die verrufensten Spelunken und schließlich zum Landgericht, wo 
er stch als Thäter deS bezeichneten Verbrechens meldete. Der 
Vater deS Mörders, welcher außer der Stadt als Färber ar- 
beitete und jeweilen nur am Vorabend eines Sonn- und Fest- 
tageS heimkam, traf die Leiche seiner gemordeten Frau unter 
dem Bette an. 
* (Sine Riesenlaterne. Auf Galley Head, einem 
Vorgebirge Irlands, wird in Kurzem eine merkwürdige Laterne 
errichtet werden. Sie wird 1300 Fuß Gas in einer Stunde 
konsumiren und während neblichen Wetters auf weite Entfer- 
nung hin stchtbar sein. Ihr Licht wird sich dem von circa zwei 
Millionen Kerzen gleichstellen. 
* Seit mehreren Jahren wird eine neue Art Matrazen 
in Deutschland fabrizirt und mit großem Erfolg in den Han-
        

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