Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1877
Erscheinungsjahr:
1877
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1877/55/
meinte Erörterungen über die schwebende Frage betrachtet 
werden mögen. Ich habe offen und geradeaus gewagt, eine 
"Lanze für die endgültige Einführung einer vernünftigen Münz- 
Regelung zu brechen, und dabei nichts weniger meine Person, 
vielmehr in gutgemeinter Weise das Wohl und Gedeihen 
meines mir lieben Heimatlandes im Auge gehabt. Dieses Ge- 
fühl bleibt ruhig und fest in mir gebettet, mag auch die geg- 
mensche Schleuder soviel Steine, als sie will, nach mir werfen. 
Vaduz, 3. April 1877. 
Dr. «lb. Schädler. 
Ausland. 
Die Nachrichten über den Entwicklungsgang der orien 
talischen Frage tönen zur Abwechslung wieder friedlicher. 
England soll nun dennoch einem russischen Protokoll beitreten 
^vollen. Was an der Sache ist, wird sich bald zeigen. Viel- 
leicht befindet fich die Sache bis in 8 Tagen wieder in einer 
anderen Verwandlung ; denn die Entwicklung der orientalischen 
Frage ist auffallend reich an urplötzlichen Verwandlungen. 
Jedenfalls klingt die neueste Friedensbotschaft noch nicht 
wie ein volles Ostergeläute des Friedens. 
Verschiedenes. 
Eine Dorfgeschichte vsm Pflügen. 
Bon W. Lübe. 
In dem Dörfchen Schönau verbrachten die Fleißigen, 
Ordentlichen, dem Fortschritt Huldigenden die meisten der langen 
Winterabende, in der Art, daß sie der Reihenfolge nach in 
ihren Wohnungen zusammenkamen, zuweilen in Begleitung 
ihrer Frauen, und belehrende Gespräche pflogen. Diese Abend- 
Unterhaltungen hatten mit der Zeit ganz den Charakter eines 
landwirtschaftlichen OrtSvereineS ohne allen Zwang, ohne 
jedwedes Grundgesetz angenommen und waren den Teilnehmern 
bald so lieb geworden, daß sie nur in den dringendsten Ver- 
Hinderungsfällen die eine oder andere Zusammenkunft versäumten. 
An der Spitze dieser ebenso traulichen als belehrenden Zu- 
fammenkünste stand Jakob, ein Mann in gereiften Jahren, 
der das größte Landgut im Orte befaß und wegen seiner Kennt- 
niffe, seiner Umsicht, seines Fleißes, seiner Ordnungsliebe, 
seiner verständigen und erfolgreichen Wirtschaftsführung in 
allgemeinem Ansehen stand. Derselbe suchte diese abendlichen 
Zusammenkünfte auf jede Weife lehrreich zu machen, namentlich 
auch dadurch, daß er die neu eingeführten und im Anbau 
bewährten Sämereien und die neu angeschafften und prob«- 
haltigen Ackergeräthe mit zur Stelle brachte, sie vorzeigte, ihren 
Nutzen erklärte und zur Einführung solcher neuen bewährten Gegen- 
stände anregte. Und so war nicht selten mit den abendlichen Zusam- 
menkünsten eine kleine Ausstellung landwirtschaftlicher Geräthe 
und Sämereien verbunden, da auch mehrere andere Mitglieder 
landwirtschaftliche Gegenstände, die sie für dazu geeignet hielten, 
mit in die Zusammenkünfte brachten und ausstellten. 
Heute hatte Jakob in seiner Wohnstube einen Untergrund- 
Pflug ausstellen lassen; diese Ausstellung stand in engster Be- 
Ziehung zu dem Gegenstände, über den sich Jakob am heutigen 
Abend verbreiten wollte, nämlich über die tiefe Bearbei- 
tung des Ackerlandes. Nachdem die Versammlung voll- 
zählig war, und nachdem alle Anwesenden den neuen Unter- 
grundpflug in Augenschein genommen hatten, und Jakob den- 
selben nach seinen einzelnen Bestandtheilen erklärt hatte, begann 
derselbe also: 
„Mancher von Euch wird fich eines Gleichnisses erinnern, 
das er in seinen Schuljahren vernommen hat Ein Vater lag 
nämlich auf dem Sterbebette. Ehe er die Augen für immer 
schloß und heim gieng zu seinen Vätern, versammelte er seine 
Söhne um sich und theilte ihnen mit, daß er in feinem Wein- 
bergt einen Schatz »ergraben Habe, nach dem sie suchen, und 
den sie heben müßten. Gerne hätten die Söhne vernommen, 
welche Stelle e< sei, aber die Lebensgeister des Vaters waren 
entflohen, und den Söhnen blieb nichts anders übrige als dek 
Weinberg zu ansehnlicher Tiefe umzuarbeiten, um deS vergrä- 
denen Schatzes hahhaft zu werden. Sie thaten dieß, fandet» 
aber keinen Schatz und waren darüber sehr betrübt. Diese 
Betrübniß verwandelte sich aber bald in Freude, denn in Folge 
der tiefen und sorgfältigen Umarbeitung deS Weinberges gab 
dieser einen ungleich höö?ren Ertrag- als früher, und nui» 
ginge» auch den Brüdern die Augen auf. Sie erkannten, däß 
der Bater nicht einen Schatz gemeint habe, der aus gemünztem 
Golde besteht, sondern daß er unter dem Schatz die in der 
Muttererde schlummernden Kräfte verstanden, welche geweckt 
und aufgeschlossen in die angebauten Gewächse eindringen und 
reiche Ernten vermitteln. Ein solches Schatzgraben, das zugleich 
die Körperkräfte stählt und Liebe zur Arbeit erzeugt, hatte de? 
besorgte Vater in seiner Weisheit gemeint, und die dankbaren 
Söhne segneten ihn ^ ob dieser trefflichen Lehre noch im Tode. 
„Wie einfach und doch wie sinnig, wie bedeutungsvoll ist 
dieses Gleichniß! Ich habe dasselbe nie vergessen , habe eS 
herumgetragen mit mir seit meinen Schuljahren ; nur daß ich 
eS leider auf meinen eigenen Grund und Boden erst so spät 
anwenden konnte. Und wie noth hätte die Anwendung dieses 
Gleichnisses auf die Schönauer Flur gethan! In allen Wirttz» 
schaften ohne Ausnahme ritzte man in früheren Zeiten das 
Ackerland nur oberflächlich auf. Man wollte die Arbeit des 
PflügenS dem nur kümmerlich genährten Zugvieh erleichtern 
und lebte in dem Glauben, daß durch tiefes Pflügen der Bo- 
den verschlechtert und unfruchtbar gemacht we^de; denn dutch 
tiefes Pflügen werde zu riel „todte Erde" heraufgebracht und 
mit der Ackerkrume vermischt. In diesem falfcheti Glauben lebtk 
auch Min Vater. I)er Vorschlag meinerseits, das Ackerland* 
nach und nach etwas tiefer zu bearbeiten, fand kein Gehör. 
ES wurde mir meine Jugend, meine Unerfahrenheit vvrge- 
worfen; Großvater und Urgroßvater hätten auch nicht anders 
gepflügt, und diese wären erfahrene Acketleüte gewesen Ob 
ich mich etwa klüger dünke als jene? Unter diesen Umständen 
!sah ich mich allerdings genöthigt, in der väterlichen Wirtschaft 
auch hinsichtlich der Pflugarbeit dem alten Schlendrian zu' 
stöhnen. Wohl blutete mir darob mein Herz; aber zu ändern 
war vorerst die Sache nicht. 
„Fragt Ihr mich nach den folgen, dieser oberflächlichen 
Bodenbearbeitung, so kann ich Euch diese ganz genau angeben. 
Sie bestanden in Verhärtung der Ackerkrume schon in geringer 
Tiefe, in Verunkrautung deS BodenS, in seichter Bewurzelung 
der angebauten Pflanzen, in häufigem Lagerkorn, in geringem 
Ertrag an Körnern, Stroh, Knollen, Wurzeln und Klee. 
„Wie ganz anders wurde es dagegen mit dem Pflügen 
auf dem Gute gehalten- wo ich erst als Knecht und dann als 
Hofmeister diente! Hier wendete man daS flache Pflügen nur 
da an, wo eS unumgänglich nothwendig war. In allen an- 
deren Fällen befleißigte man sich deS tiefen PflügenS und 
wendete dazu Pflüge an, die zu einem tiefen Pflügen besonders 
gebaut waren. Wie groß waren aber auch die Erfolge dieser 
tiefen Bodenbearbeitung, namentlich gegenüber der seichten Acker- 
bearbeitung der heimatlichen Flur! So wurde meine Liehe 
zur tiefen Bearbeitung des Ackerlandes nur noch mehr erhöht 
und verstärkt, und ich gelobte mir, daß ich einst, wenn ich die 
väterliche Wirtschaft überkommen, nicht säumen würde, den 
Schatz zu heben, den die Vorfahren vergraben hatten liegen 
lassen. 
„Als ich später die väterliche Wirtschaft übernahm, war 
eS auch wirklich mein eifrigstes Bestreben, die tiefe Bearbeitung 
deS Ackerlandes überall da, wo dieselbe zulässig war, einzuführen. 
Sofort konnte dies freilich nicht geschehen, wenn ich nicht mehr
        

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