Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1877
Erscheinungsjahr:
1877
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1877/4/
unter dem Eindrucke einer ungünstigen Lage. Wir meinen da- 
mit die hohen Lasten, die auch jetzt noch, wenn auch nicht mehr 
in dem hohen Grade wie die früheren Jahre, Grund und Bo- 
den zu tragen haben. Nur derjenige, der mit „eigenen" Leuten 
seine Felder bearbeiten kann erzielt noch eine günstigere Rech- 
nung, aber nicht durch daS Erträgniß an stch, sondern 
durch seine „eigene" Arbeit. Die Besserung und daS „Vor 
wärtskommen in unserem Ländchen ist daher weniger dem land- 
wirtschaftlichen Betriebe als vielmehr anderen Verdienstquellen 
zuzuschreiben; so namentlich dem Gelderwerbe unserer tüchtigen 
und sparsamen Arbeiter in der „Fremde". 
Unser Rhein hat unS glücklich verschont und nur einmal 
seine unheilschwangere- Naschgier an den Uferbauten Rüg» 
gelS versucht, mußte aber zum Glücke der vereinigten Kraft 
und Gegenwehr bald fliehen und wieder ruhig se nen rechtmä 
ßigen Weg ziehen. Dagegen haben die wilden und jugendlichen 
Töchterchen deS Rheines in verschiedenen Kantonen der Schweiz 
furchtbare Wasserverheerungen angerichtet und selbst die großen 
Wasserbecken wie Zürichsee und Bodensee mit ganz Ungewöhä^ 
lich großen Wassermassen angefüllt. 
Die Rheinbauten können also ihren ruhigen Fortgang neh- 
men und wenn wir durch einige Jahre keine größeren Stö- 
rungen mehr erfahren, auch zu einem annähernd stchern Ab- 
schluß gebracht werden. Ruggell, daS ohnehin mit seinen Ar- 
beiten im Rückstände war, hat freilich durch die bekannte Heu- 
rige Rheingefahr einen empfindlichen Rückschlag erlitten, jedoch 
hat der Landtag zur Beschleunigung der Arbeiten die nöthigen 
Gelder bewilligt und so dürfte auch Ruggell allSgemach in 
Reih' und Glied mit den übrigen Rheingemeinden vorwärts 
schreiten können. 
Unser inneres politisches Leben hat stch sozusagen ganz auf 
den Jahresschluß konzentrirt und erfüllt gegenwärtig im hohen 
Grade den Geist und daS Gemüth unseres Volkes. Dieser 
Punkt ist daher schon mehr in daS Jahr 1877 zu rechnen und 
gehört im gegenwärtigen Momente nicht zu einem ruhigen 
Rückblicke auf daS Jahr 1876. — In einem Jahre können 
wir dann mittheilen, wie die neuen Institutionen, so besonders 
das neue Münzgesetz stch in ihrer Durchführung bewähren 
werden. 
Im eigenen Ländchen haben wir somit ein wenig umge- 
schaut und AlleS so ziemlich in Ordnung gefunden, so zwar, 
daß wir der Vorsehung sehr viel Dank schuldig ßnd und nur 
bitten können, unS keine schlechteren Jahre als 1376 war zu 
schicken. 
WaS nun in ganz kurzen Umrissen daS Ausland betrifft, 
so könnten die Diplomaten alle daS Jahr 1876 ein ganz be- 
sondereS „Türkenjähr" nennen. Wir Liechtensteiner find Gott- 
lob keine Diplomaten und -verstehen unter einem guten „Tür- 
kenjahr" etwas viel lohnenderes und unschuldigeres. Die Ruf- 
sen hätten gar so gerne gewünscht, der „Türke" würde durch 
die KriegShitze im von Russen geheizten serbischen Ofen bald 
reif werden, und gehofft, der „reife Mann" könne dann gt- 
müthlich eingeherbstet werden. Der „Türke" will aber nicht 
reif werden und hat erst vor einigen Tagen erklärt, daß nun 
wieder die frische Milch einer neuen lebenskräftigen Verfassung 
in seinen Adern fließe. DaS „Einherbsten" muß daher wieder 
verschoben werden. Vielleicht daß daS Jahr 1877 wieder mit 
dem Erstehen M Frühlings neue und dann wahrscheinlich 
sehr kitzliche Mittet brennt, um den „Türken", trotz dessen er 
in der Milch einer jungen Verfassung steht, reif zu machen. 
DaS könnte dann aber leicht ein europäisches „Türkenfieber" 
absetzen, daS schwer und nur mit wuchtigen Mitteln geheilt 
würde. 
DaS wäre schlimm, noch schlimmer als das schon seit Mo- 
naten eingerissene Unbehagen, daS ja meist dem „Fieber" vor 
angeht, und daS schon jetzt bedeutend auf die Geschäftswelt, 
auf die Industrie und den Unternehmungsgeist seinen lähmen 
den und nachtheiligen Einfluß geltend macht. Doch wenn 
nicht mehr verhütet werden kann, wäre eS besser, die Krank- 
heit gienge rasch vor stch, dann hätte man doch Hoffnung 
schnellere Besserung zu erwarten, als wenn das Fieber chro- 
nisch verläuft und die gesunden Kräfte der Völker langsam 
verzehrt. 
In Amerika hatten sie in der Bruderftadt Philadelphia eine 
großartige Weltausstellung; trotzdem leidet Nordamerika nicht 
nur an der jetzt so ziemlich allgemeinen ökonomischen KristS, 
sondern auch an einer VersassungSkrisiS; denn die strittige Prä- 
sidentenrvahl ist die Wirkung eines Verfassungsmangels. Die 
Republikaner wollen ihren Hayer, die Demokraten ihren Til- 
den auf dem Präsidentenstuhl (der aber fast ein Königsthron 
ist); die Nordamerikaner würden besser thun, wie die Schwei- 
zer ihre beiden Kammern zu wählen und es dann diesen zu 
überlassen, einen BundeSrath zu wählen, der stch schon seinen 
Prästdenten wählen wird. 
Die junge französische Republik hat sich gut am Leben er- 
halten und steht trotz der „Milliarden" wirtschaftlich und 
finanziell noch obenan, fast wie eine Oase in der Wüste der 
GeschäftSlostgkeit und Massenbanquerotte. Die Pariser werden 
zudem die nächste Weltausstellung, haben, wobei jedoch laut 
deutschem BundeSrathbeschluß Deutschland gar nicht' vertreten 
sein wird. Das Land der Citronen und Orangen leidet an 
allememem Finanzelend, an AnnexionSlust und GroßmannS- 
sucht und kommt mit seinem nun radikalen Ministerium viel- 
leicht rascher zum „Ziele". — 
DaS im KriegSruhm geeinigte Deutschland erfreut sich einer 
sehr großen Machtstellung; leidet aber nebenbei auch sehr stark, 
an der wirthschaftlichel» KrisiS. Nebenbei hat daS deutsche. 
Parlament am Schlüsse deS JahreS bei Verathung der Justiz- 
gesehe die seltsame Taktik angenommen, in der 2. Lesung die 
Vorlagen deS BundeSratheS zu verwerfen, um fie dann in der 
3. Lesung mit Emphase anzunehmen. — 
Oesterreich hat mit Ungarn bezüglich der Bankfrage schwer 
zu kämpfen und muß dazu immerfort als nächster Nachbar 
mit Sorgen nach dem „Türkenlande" sehen. — 
Aus dem Ganzen ergibt sich, daß mehr oder weniger ganz 
Europa wirtschaftlich in einer sehr gedrückten Lage stch befin- 
det und zudem über die Kräfte des Volkes hinaus mit Sol- 
daten und Kanonen ausgesogen wird. — 
Möge die Vorsehung die über die Begebenheiten der Welt- 
geschichte wacht, den schweren Alp bald lösen und wieder bessere 
und friedlichere Zeiten der Menschheit zu Theil werden lassen. 
Verantwortlicher Redakteur u. Herausgeber: vr. Rudolf Schädler. 
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20-Frankenstücke^ . 10.01 Vi 
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