Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1877
Erscheinungsjahr:
1877
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1877/36/
Entsetzens erhob. Ein Knabe von 5 Iahren, den ein Kinder- 
Mädchen auf die steinerne Balustrade gesetzt hatte, um die Thiere 
besser sehen zu können, war hinabgefallen und in demselben 
Momente, wo er den Boden berührte, hatten stch auch die 
beiden weißen Bären von ihrem Lager erhohen und trabten 
neugierig auf den Fremdling zu, der in ihr Gebiet eingedrungen 
war. Welch furchtbares Drama würde man nun zu sehen 
bekommen? So fragten stch wohl alle, die zugegen waren. 
Allein merkwürdiger Weise kehrten ste — vielleicht eingeschüch- 
tert durch das Schreien der Zuschauer — ruhig in ihren Win- 
kel zurück, ohne dem Kinde ein Leid gethan zu haben. Das 
war schon viel. Aber eS kam jetzt darauf an, das Kind zu 
retten. Wer mochte eS wagen? Da erbot stch ein schlicht 
gekleideter Mann dazu. Man holte einen soliden Strick und 
ließ mittelst desselben den Retter hinab; kaum hatte er den 
Knaben aufgenommen und die Rückreise durch die Luft ange- 
treten, so stürzten stch auch die beiden Bären in sichtlichem 
Grimm auf ihn, konnten ihn aber nicht mehr erreichen. DaS 
Kind hatte bei seinem Falle auS der ziemlich beträchtlichen 
Höhe weiter keinen Schaden davon getragen, als eine Arm- 
Verrenkung; aber das fahrlüßige Kindermädchen ist von dem 
Schrecken und der Angst in eine Fieberkrankheit gefallen und 
sieht im Delirium überall wilde Thiere, welche kleine Kinder 
auffressen. 
"Abnahme der Viehzahl inGuropa. Nach einer 
Zusammenstellung des Professors Dr. Lambl in Wien ergibt 
sich in Europa mit Ausnahme von Preußen und Rußland eine 
wirkliche Viehabnahme. Zwischen der letzten und vorletzten 
Viehzählung weisen 14 Staaten Europas eine Abnahme von 
1,761,446 Rindern und 8,736,236 Schafen, dagegen eine 
Zunahme von 1,110,394 Pferden und 300,000 Ziegen nach. 
- Der Bestand der Schweine ist nahezu gleich geblieben. Die 
Vermehrung der Pferde liegt gewißlich zum Theil in der Ver- 
größerung der stehenden Heere in Europa. Sonst läßt jene Er- 
scheinung auf ein Zurückgehen von Wirtschaften mit guter Rind- 
Viehhaltung und auf eine Vermehrung von kleinen, armlichen 
Haushaltungen mit Ziegenhaltung schließen. Auffällig ist eS, 
daß der starken Abnahme der Schafe (.die zum Theil der Kon- 
turrenz fremdländischer Wolle, besonders aus Südamerika und 
Australien, zuzuschreiben ist) nicht ein entsprechender Zuwachs 
von Rindern k. gegenübersteht. Der Zunahme der Bevölke- 
rung steht also eine große Verminderung der besonders wich- 
tigen Nährthiere gegenüber. Ein Fallen der Fleischpreise wäre 
also vorab noch nicht in AuSstcht zu stellen, selbst wenn die 
Einfuhr amerikanischen Fleisches stch noch erheblich vermehren 
sollte. 
* Eine alte Zeitung. In der UniversttätS-Bibliothek 
zu Heidelberg wurde ein fast ganz vollständig erhaltener Jahr- 
gang einer gedruckten Zeitung aus dem Jahre 1609 aufge- 
funden. Der Titel dieser deutschen Zeitung, vielleicht einer der 
größten typographischen Seltenheiten neuerer Zeit, lautet buch- 
fiäblich folgendermaßen: „Relation : Aller Fürnemmen und ge- 
denkwürdigen Historien, so stch hin vnnd wider in Hoch und 
Rieder Teutschland, auch in Frankreich, Italien, Schott und 
Engelland, Hisspanien, Hungern, Polen, Siebenbürgen, Wal- 
lachey, Moldaw, Türkei ic. Inn diesem 1609. Jahr verlausten 
vnd zutragen möchte. Alles auff das trewlichst wie ich solche 
bekom- vnd zu wegen bringen mag, in Truck verfertigen will." 
* Polizeiliches. Einem Gastwirth aus Faido, den 
das schöne Winterwetter zu einer Geschäftstour verlockte, wurde 
- letzthin von der Polizei übel mitgespielt. In Einstedeln, wo- 
hin er zuerst ging, kam er in Verdacht, eine goldene Uhr 
sammt Kette von der Wand in einer Wirtschaft gestohlen zu 
haben. Er wurde verhaftet, jedoch sofort, da er feine Un- 
schuld gehörig beweisen konnte, freigelassen. Sein Signalement, 
als das des muthmaßlichen Thätertz, war aber schon nach 
allen Richtungen der Windrose weiter telegraphirt worden und 
die Schwyzer-Polizei unterließ die nöthig gewordene Berich- 
tigung. Möglichst schnell reiste er ab, denn es brannte ihn 
der Boden unter den Sohlen; mit der Abendpost ging'S nach 
RichterSweil. Wer beschreibt aber sein Erstaunen, alS beim 
Aussteigen die heilige Hermandad ebenfalls bereit stand, um 
ihn in Empfang zu nehmen. Alle Prottstatt'onen und Be 
theuerungen halfen nichts, der Delinquent mußte mit, und da 
eS zu spät war, das Polizeiamt zu belästigen, in „Numero- 
Sicher" übernachten, um dann am Morgen wieder mit den 
höflichsten Entschuldigungen über den Jrrthum freigegeben zu 
werden. Der Mann erfreute stch denn auch seiner Freiheit 
aus Herzensgrund und blieb bis zum Abend in RichterSweil. 
Darauf fuhr er per Dampfboot in das gemüthliche RapperS- 
wyl. Doch stand hier Wachtmeister Germann bereit und beim 
Aussteigen hieß eS: „Jetzt Peter geht'S en andere Weg, jetzt 
Peter, kommst mit mir!" Daß ihm am Morgen darauf der 
Polizeichef der Rosenstadt die Freiheit wieder gab, ist selbst- 
verständlich, — daß ihm aber für die erlittene Unbill eine 
Entschädigung geworden sei, davon weiß daS „Wochenbl. v. 
Seebezirk und Gaster", dem wir obige Mittheilung entnehmen, 
nichts. 
* Verheerungen der Wölfe. Ernem offiziellen Be- 
richte zufolge sollen in dem einzigen Gouvernement Sarator 
(Rußland) die durch die zahlreichen Wölfe im Laufe der letzten 
zwei Jahre angerichteten Verheerungen stch auf folgende kau« 
glaubbare Zahlen erstrecken. Es sollen von den wilden Bestien 
zerrissen worden sein: 11,000 Pferde, 10,000 Stück Horn- 
vieh, 33,000 Schafe und 5000 Schweine, außerdem mehr alS 
1000 Hunde und 18,000 Stück Geflügel. Im gleichen Zeit- 
räume wurden 63 Personen von Wölfen angefallen, wobei 2 
zerrissen und 12 den erlittenen Wunden erlegen sein sollen. 
* DaS Hafermehl. Ueber dieses einstige Hauptnah- 
rungSmittel der Thurgauer, daS aber leider immer mehr in 
Vergessenheit geräth, schreibt der Herausgeber der „Fundgrube", 
Herr Dr. Rausch: Hafermehl ist ein ausgezeichnetes RahrungS- 
mittel, daS alle Stoffe enthalt, die zur Bildung des Körpers 
nöthig stnv. CS eignet sich deßhalb nicht nur zur Ernährung 
von Kindern, sondern auch, mit Fleischbrühe oder Milch ge- 
kocht, alS eine angenehme Speise für Erwachsene, besonders 
für schwächliche Personen. Liebig und Andere haben gezeigt 
daß Hafermehl fast eben so nahrhaft ist, als das beste Fleisch, 
und daß eS reicher als Weizenbrod an muSkel- und knochen- 
bildenden Elementen ist. In Schottland bildet es bekanntlich 
eines der HauptnahrungSmittel (Hafersuppe, Haferbrei, Hafer- 
brod) und man schreibt ihm vorzugsweise die kräftige Körper- 
entwicklung der Schotten zu. In Frankreich empfehlen eS die 
Aerzte fast ausschließlich alS Kindernahrung. 
Verantwortlicher Redakteur u. Herausgever: vr. Rudolf Schädler' 
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Telegrafischer Kursbericht von Wie«. 
23. Februar Silber . 113.50 
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