Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1877
Erscheinungsjahr:
1877
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1877/176/
Für die Einsammlung der Frucht gewährte der Juli die 
nöthigsten Mittel; den Kartoffelfeldern erwies er sich dagegen 
nicht günstig, und diesen Ausfall hat auch der August nicht zu 
decken, noch der Herbstmonat die fälligen Wechsel einzulösen ver- 
mocht. Die Kartoffelernte ist die wunde Stelle unserer Som- 
merernte. 
Vielleicht hängt der Kartoffelmißwachs mit dem Gesammt- 
charakter unserer Mißernte zusammen, der sich durch raschen 
Wechsel und schroffe Uebergänge auszeichnete. 
Namentlich erfolgte meist der Rückgang der Temperatur 
sehr plötzlich. Rückgänge aufeinanderfolgender TageSmittel in 
einem Betrage von 8—12 Grad waren geradezu an der TageS- 
ordnung; dazu kommt noch die Abnormität, daß die größten Kälte- 
grade in den Anfang und den Schluß des Winters fielen, ebenso 
die Wärmegrade in den Anfang (zweite Woche Juni) und in den 
Schluß des Sommers (dritte Woche August). 
Der Nordostpassat, der sonst mehrere Wochen schönes Wetter 
zu bringen pflegt, konnte nie recht zur Herrschaft gelangen. Da- 
her hatten wir auch keine eigentliche Trockenheit, die zum Aus- 
reifen der Kartoffel so nöthig ist. 
Dieser Charakter der Witterung scheint anhalten zu wollen, 
da die Vorläufer des Winters, Eis und Frost, früher als andere 
Jahre, d. h. bereits im September sich einstellten. 
Der rasche Rückfall der Temperaturen ist mit der schnellen 
Drehung der Winde im Zusammenhange. Diese bringt in kür- 
zester Zeit den Wind aus nördlichen und kalten Gegenden der 
Meere. Wir hatten keinen ausgesprochenen Winter und keine 
rechte Trockenheit des Sommers. 
* * 
Der Kalender des bekannten Wetterpropheten Mathieu de la 
Dröme eröffnet keine angenehmen Aussichten für das Ende des 
Jahres 1877. Der November werde sehr schlecht sein und sich 
durch häufige Stürme auszeichnen. Man möge ängstlich für die 
Gesundheit Vorsorge treffen. Der Monat Dezember werde we- 
nig befriedigender sein. Kaltes und feuchtes Wetter werden mit 
einander abwechseln, und der Gesundheitszustand werde sehr viel 
zu wünschen übrig lassen. Auch die Aussichten für das Jahr 
1878 sind nach demselben Propheten nicht tröstlicher. Dasselbe 
werde regnerisch und stürmisch sein. 
Andere, wie z. B. ein Einsender im „Fr. Rh." prophezeien 
einen warmen Winter, weil auf einen warmen Sommer, in wel- 
chem die Wespen nicht zahlreich gewesen, wie im letzten, ein 
milder Winter folge. 
Verschiedenes. 
* Asien. Die Hungersnoth, welche gegenwärtig den süd 
lichen Theil von Ostindien verwüstet, übersteigt, sowohl was die 
räumliche Ausdehnung betrifft, als an intensiver Stärke, jede 
HungerSnoth, von welcher früher gehört worden ist. Die Ein- 
zelheiten, welche berichtet werden, sind tief erschütternd. Man 
hat die Zahl der Personen, die bereits im wörtlichen Sinne vor 
Hunger umgekommen sind, auf eine und eine halbe Million ge- 
rechnet. Unberücksichtigt sind bei dieser Berechnung die nach 
Millionen zu Zählenden geblieben, deren Gesundheit für immer 
untergraben ist. Seit dem Anfange dieses Jahres verhält sich 
in einem Distrikte die Zahl der Gestorbenen zu derjenigen der 
in demselben Abschnitte des vorigen Jahres Abgeschiedenen wie 
11 zu 1. Aus einer anderen Berechnung Ergibt sich, daß in 
einem Distrikte und in einem Monate 10,000 Menschen vom 
Hunger hingerafft sind. Es klingt wie ein grausiger Scherz, 
wenn es in einem amtlichen Berichte heißt: „In den am meisten 
heimgesuchten Landschaften sind nur noch sehr wenig Arme zu 
sehen. " Es ist begreiflich, denn die Armen sind todt. Betrachten 
wir einen einzelnen Distrikt, den von Salem, in dem sich eilf 
sogenannte Unterstützungslager befinden. Im Mai betrug die 
Lagerbevölkerung im Durchschnitt 7000;'der monatlichen Sterbe 
fälle waren 746; das jährliche Verhältniß war 1388 zu 1000. 
Also in Jahresfrist wäre die Bevölkerung aufgerieben. Ein an- 
deres Beispiel bietet der Bezirk von Nord Arcot. Im Mai 
war die Durchschnittszahl der in Unterstützungslagern Verpfleg- 
ten 4202; der monatlichen Todesfälle waren 471; das jährliche 
Verhältniß der Sterbefälle zur Bevölkerung war 1457 zu 1000. 
Herrschte das gleiche Verhältniß in der ganzen Welt, so wäre 
das Ende der Menschheit nach Monaten zu berechnen. 
* Ein Personenzug der Union-Pacificbahn ge- 
plündert. Bei der Station Big Springs, Nebraska (160 
Meilen östlich von Eheyenne) wurde in der Nacht des 18. Sep- 
tember ein ostwärts gehender Passagierzug der Union Pacificbahn 
von dreizehn maskirten Räubern angehalten und geplündert. Die 
Räuber kamen am Abend nach der Station und nahmen von 
dieser vollständigen Besitz. Sie rissen die Telegrapheninstrumente 
heraus und demolirten die Leitungsdrähte. Dann hängten sie 
ein rothes Licht aus, damit der Train, der etwa 11 Uhr an- 
kam, dort anhalte. Einer der Kondukteure stieg ab, um zu sehen, 
was man wolle, als ihm mit Revolver bewaffnete Männer ent- 
gegentraten, die ihm Handschellen anlegten. Der Lokomotivführer 
und der Heizer wurden gefangen genommen und an jede Wag- 
gonthüte wurde eine Schildwache postirt. Der Stationsagent 
wurde gezwungen, an die Thür des Expreßwaggons zu klopfen; 
als diese für ihn geöffnet wnrde, stürmten die Räuber hinein, 
überwältigten den Boten und ergriffen Besitz vom'Waggon, dem 
sie 65,000 Doll. gemünztes Geld und etwa 500 Doll. in Pa- 
Piergeld entnahmen. Von dem geraubten Gelde waren 40,000 
Doll. für Wells, Fargo und Cie. in Newyork und 20,000 Doll. 
für die Newyorker „Bank of Commerce" bestimmt. Das für 
Wertheffekten bestimmte Spinde, das stationär ist, wurde von 
den Räubern nicht berührt. Es enthielt eine große Geldsumme. 
Hierauf wurden die Passagiere in den Waggons durchsucht und 
ihrer Baarschaften und Werthsachen beraubt. Es wird behaup- 
tet, daß den Passagieren 2000 Dollars baar und vier goldene 
Uhren genommen wurden. Einer derselben büßte eine goldene 
Uhr und 480 Doll. ein. Die Ankunft eines Frachttrains störte 
die Räuber, denn nachdem sie das Feuer in der Lokomotive 
ausgelöscht hatten, stiegen sie zu Pferde und ritten weg, ohne die 
im Schlafwaggon befindlichen Personen zu behelligen. Die Union- 
Pacificeisenbahn« und Expreßkompagnie haben eine Belohnung 
von 10,000 Doll. für die Ergreifung der Diebe und Wieder- 
erlangung des Geldes ausgesetzt. 
Verantwortlicher Redakteur u. Herausgeber: vi-. Rudolf Schädler 
Thermometerstand nach Reaumur in Vaduz. 
Monat 
Morgens 
7 Uhr 
Mittags 
12 Uhr 
Abends 
6 Uhr 
Witterung. 
Okt. 24 
"1" 10 
+ 14 
+ 9'/,I halb hell; Föhn 
, 25 
+ 5 
+ 8% 
-f~ 6 
hell 
. 26. 
+ 7 
+ 10 
+ 7 
fast trüb; Reg. 
. 27 
+ 5 
+ 9% 
+ 5 
hell 
. 28 
+ 4 
+ 7 
*4~ 5 
trüb 
. 29. 
+ 2 
+ 9 
+ 4 
fast hell 
» 30» 
+ 6 
+ 8 
-f- 8 
trüb; Reg. 
Telegrafischer Kursbericht von Wien. 
2. Novemb. Silber . 104.80 
20-Frankenstück 9.51 
100 Reichsmark 58.40 
London . 118.10 
Druck von Heinrich Graff in Feldkirch.
        

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