Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1877
Erscheinungsjahr:
1877
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1877/170/
Türken daran hat, läßt sich noch nicht sagen. Die Russen 
werden wohl ihren Sieg rasch verfolgen, zunächst wieder Kars 
cerniren nnd dann nach dem Südwesten auf Erzerum losmar- 
schüren. Außer dem offiziellen russischen Bericht über die tür- 
tische Niederlage liegt folgende ausführlichere Meldung des 
Korrespondenten der „Daily News" im russischen Hauptquartier, 
aus Karajal vom 15. Abends, vor: „Am 9. begann General 
Lazareff mit 27 Bataillonen Infanterie und 40 Geschützen eine 
Flankenbewegung von hier hinter dem Aladscha Dagh nach der 
Anhöhe Awlias und Wisinkiöi. Gestern Nacht meldete er durch 
den Feldtelegraphen aus dem Dorfe Basardschik daß Mukhtar 
Pascha mit überlegenen Streitkräften ihm gegenüberstehe, und bat 
um Unterstützung. Daraufhin begannen heute früh unsere Trup- 
Pen einen Angriff auf die türkischen Stellungen, und nach einem 
heftigen.Geschützfeuer unseres linken Flügels mit den Batterien 
am Aladscha Dagh gingen wir zum ernstlichen Sturmangriff ge- 
gen die Höhe von Awlias und die Redoute über. Bei Kenant 
im Centrum der türkischen Stellung, gab es ein geschickt geleitetes 
Artillerie-Gefecht auf zwei Werst Abstand, in welchem nur Schrap- 
nels mit vorzüglicher Wirkung verwendet wurden Um Mittag 
erstürmten die kaukasischen Grenadiere unter General Heymann 
die Awlias-Höhe und Redoute mit großem Erfolge. Erstere 
wurde von unseren Truppen besetzt, wobei uns drei Krupp-Ge- 
schütze in die Hände fielen; die aus ihren Stellungen in Un« 
ordnung fliehenden Türken wurden überall scharf verfolgt. Das 
vierte Ezinköi'sche Regiment besetzte den Aladscha Dagh und griff 
das türkische Lager an, welches es eroberte. Der Feind floh 
ungeordnet in drei Richtungen, nachdem er in seinem Rücken 
von Kars abgeschnitten war. Morgen wird die Verfolgung fort- 
gesetzt. Bisher fehlt es noch im Lager an Nachrichten von 
General Lazareff." 
Zur Lage auf dem Kriegsschauplatz in Bulgarien schreibt 
das „Journ. des Debats": 
„Es scheint sicher, daß die Russen entschlossen sind einen 
Winterfeldzug zu unternehmen oder wenigstens ihre Stellungen 
bis zum Frühling festzuhalten. Nach der Ansicht aller kompe- 
tenten Männer und aller Kriegskorrespondenten wird sie dieses 
Vorhaben theuer zu stehen kommen. Man erinnert daran, daß 
im Jahr 1853 der Kampf von Oltenitza "im November und 
der von Kalafat im Januar geliefert wurden. Das ist richtig; 
aber es ist widersinnig, isolirte Kämpfe, einzelne Aktionen mit 
einem Ganzen nach einem allgemeinen Plan entworfener und 
ausgeführter Operationen vergleichen zu wollen. Während der 
Aufhellungen, die auch in den strengsten Wintern eintreten, kann 
man wohl diesen oder jenen Handstreich versuchen, und was im 
Jahr 1853 geschah, läßr sich auch im Jahr 1877 versuchen; 
aber ist das der Gedanke der Russen? Wollen sie nicht viel- 
mehr, trotz der Unbilden des Wetters, den begonnenen Feldzug 
fortsetzen? Bereiten sie sich nicht vor, gegen die Türken und die 
Elemente zugleich zu kämpfen? Bisher schon haben sie viel Un- 
glück gehabt Das Wetter ist immer gegen sie gewesen. Der 
Frühling begann verspätet, der Winter dagegen schrecklich rasch. 
Schon jetzt machen Regen, Schnee und Stürme den Aufenthalt 
in Bulgarien sehr schwierig. Die Donaubrücken sind bedroht, 
und die Kommunikationen der Jnvasionsarmee sogar zwei oder 
drei Tage lang unterbrochen. Alle Korrespondenten vom Kriegs- 
schauplatz entwerfen ein trauriges Bild von dem Zustande der 
Straßen und der Ungesundheit des Landes. Vom Schnee fällt 
man in den Koth. „ Oie russischen Soldaten," schreibt der 
„Globe", „sind in einer bejammernswerten Lage; halb ver- 
hungert, halb erfroren, Tag und Nacht einem schrecklichen Klima 
ausgesetzt; so verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand immer 
mehr." ~ Uebertreibt der „Globe"? Das ist nicht wahrscheinlich. 
Die „Times" behauptet ihrerseits, daß in den letzten drei Wo- 
chen 15,000 Mann Leiden und Krankheiten erlegen sind. Ebenso 
berichtet die russenfreundliche „Daily News". Im allgemeinen 
berechnen die englischen Depeschen, daß täglich etwa 200 Mann 
von der Plewna-Armee in die Spitäler verbracht werden und 
kaum 20 aus denselben zurückkommen. Für eine einzige Armee 
beträgt der Verlust alle fünf Tage also 1000 Mann. Und wir 
stehen erst am Beginn der schlechten Jahreszeit? Wenn der 
Plan der Russen, während des Winters in Bulgarien zn blei- 
ben, festzustehen scheint, so ist man dagegen sehr verschiedener 
Ansicht über das was zunächst zu geschehen habe. Plewna vor 
allem ist der Stein des Anstoßes für die Jnvasionsarmee. Nach 
allgemeiner Ansicht ist dasselbe das Sebastopol der Türkei. " 
Ein Österreich. Blatt, welches eine Begleichung anstellt-, welche 
im Ausland großen Beifall gefunden hat, die wir aber nicht ohne 
Schmerz wiedergeben können, bemerkt, daß Plewna bereits einen 
Widerstand bethätigt hat, der über den von Metz hinausgeht. 
Mehr als ein Monat ist seit dem letzten Angriff verflossen; 
zwischen diesem und dem vorhergehenden waren 6 Wochen ver- 
strichen. Man kann danach die Verluste Rußlands bei jedem 
dieser Versuche bemessen. Ueber die Art und Weise wie Plewna 
.zu nehmen sei herrschen getheilte Ansichten. Man schlägt drei 
Lösungen vor: 1) die Eröffnung einer regelmäßigen Belagerung 
mit Approchen, Trancheen, Parallelen, Sturmangriffen u. s. w.; 
2) einen neuen Angriff nach der Art der bisher versuchten; 3) 
die Cernirung Osman Pascha's, um ihn durch Hunger zur Ka- 
pitulatiou zu zwingen. Alle diese drei Lösungen sind gleich ge- 
wagt. Eine regelmäßige Belagerung würde ins Unendliche dauern 
und ungeheure Opfer fordern. Die Türken haben das Klima 
zum Verbündeten. Wie Trancheen in einem eiserstarrten und 
mit Schnee bedeckten oder durch Aufgefrieren durchnäßten und in 
Koth verwandelten Boden graben? Wie die Soldaten inmitten 
solch ungesunder Arbeiten am Leben erhalten? Und wir sprechen 
hier nur noch von den besonderen Schwierigkeiten, die bei Plewna 
eintreten können; aber die belagernde Armee dürfte gleicherweise 
den allgemeinen Gefahren einer Ueberwinterung in Bulgarien 
ausgesetzt sein. Zudem vergißt man, wenn man Plewna mit 
Sebastopol vergleicht, daß letzteres durch eine dominirende Stel- 
lung beherrscht wurde und die Einnahme des Malakoff über.den 
Ausgang der Belagerung entschieden hat. Um Plewna zum Fall 
zu bringen, müssen nach einander zwanzig Redouten, ähnlich 'der 
von Griwitza, genommen werden, an welcher sich die rumänischen 
Truppen seit einem Monat vergeblich abmühen. Der Plan eines 
neuen Sturmes auf Plewna verdient keine weitere Erörterung. 
'Sollten die Russen ihn noch einmal versuchen, so würden sie eine 
dritte (Es wäre die vierte D. R.) Niederlage erleiden, da die Ver- 
Hältnisse seit ihren erste« Niederlagen sich nicht geändert haben. 
Diesmal würde eine Niederlage für sie geradezu ein tödtlicher 
Schlag, dem sie sich nicht thörichterweise werden aussetzen wollen. 
Es bleibt nur die Einschließung übrig. Aber alles, was in deu 
letzten Wochen sich begeben hat, beweist, wie recht wir haben, 
wenn wir sagen, daß zu einer- Cernirung Plewna's eine Armee 
von 150,000 Mann nothwendig wäre. Die russischen Streit- 
kräfte reichen nicht dafür aus. Allerdings hat man feit einigen 
Tagen viel von einem Kavalleriekorps unter dem Kommando des 
Generals Gurko gesprochen, von dem man die allergrößten Dienste 
erwarte. Aber der Korrespondent der „Polit. Korresp.", eines 
den Russen ganz ergebenen Blattes, bemerkt mit Grund, daß es 
absurd wäre, wollte man eine Einschließung Osman Paschas 
mittelst Kavallerie für möglich halten. Schestet Pascha ist es 
gelungen, mit einem ungeheueren Eonvoi von Vorräthen und 
Munition, eskortirt von 24 Bataillonen in Plewna einzurücken; 
er hat mit Osman Pascha einen Kriegsrath gehalten, ihm einen 
Theil seiner Streitkräfte überlassen und sich dann ruhig auf 
Orkhanje zurückgezogen. Die ganze russische Kavallerie hat seinen 
Marsch nicht aufhalten können. Es ist übrigens wahrscheinlich, 
daß, wie unser Korrespondent meldet, das Korps des Generals 
Gurko zur Hauptaufgabe hat, den Rückzug der russischen Trup- 
Pen, welche den Schipka-Paß besetzt halten, zu Hecken Dabei 
darf man nicht vergessen, daß die wichtigen Punkte auf der 
Straße von Plewna nach Sophia über Orkhanje mit Verschan-
        

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