Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1877
Erscheinungsjahr:
1877
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1877/164/
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schöner, als wenn man sie vom Rande des Grabes oder vom 
Kerkergitter aus betrachtet." 
„Es gibt keine Sündenvergebung im Reiche der Natur, 
sondern es herrscht vollendete Gesetzmäßigkeit. Der Haushalt 
des Leibes ist ein Kassabuch, welches keine Ausgaben gestattet 
ohne entsprechende Einnahmen. Thränen und Verzweiflung än- 
dern das Ergebniß einer schlecht geführten Rechnung nicht." 
„Das unglückliche Corset, welches vielleicht einmal der Nach- 
ahmungstrieb, niemals aber die Vernunft besiegen wird, hemmt 
Athmung, Herzschlag und Verdauung zugleich, verschiebt die 
Brust so stark und macht .so tiefe Furchen in die Leber, daß 
man an der Leiche einer Matrone noch das Schnürleibchen nach- 
weisen kann, welches vor einem halben Jahrhundert langsam 
aber ausgiebig eingewirkt hat. Die zierlichen Zeugschuhe vollends, 
ohne welche es gar keine weibliche Schönheit mehr gebe, sind in 
der That „zu schöu für diese Welt". 
„Nimm dem Volke die Hälfte seiner^ Wirthshäuser und Du 
kannst die Hälfte seiner Irrenhäuser und Spitäler und auch 
seiner Gefängnisse schließen. Die fürchterlichsten Sünder sind 
auch hier die anständigsten; niemals vollgetrunken aber täglich 
angetrunken sind sie wie Dampfkessel, die man auf alle ihre 
Atmosphären geheizt hat, jeden Augenblick des Anstoßes gewärtig, 
der die Explosion veranlaßt." 
„Gar nicht selten fallen junge Töchter der gebildeten Stände 
dem Wahne anheim, sie wären Lilien und müßten bloß vom 
Morgenthau leben, das Essen sei eine pöbelhafte Schwachheit und 
jedenfalls gewöhnliche Hausmannskost zu vermeiden." 
„Was Seuchen und Hunger nicht tobten, das bringen die 
Köche um; wer detft blutigen Mars und auch dem Meere phne 
Balken entronnen, den erwürgt Bachus langsam, unter feierlich 
schallendem Jubelsang, und den begräbt die Reue, die stumme 
Todtengräberin menschlichen Glückes, welche an keine Auser- 
stehung glaubt." 
„Gott Bachus zerstampft den Garten des Gemüthes und 
taumelt .gelegentlich ins Zuchthaus; Frau Venus dagegen ver- 
hängt die Fenster des Verstandes und weiß einen nahen Fußweg 
in's Spital; beide haben an den Ufern des Sthx einen ruhigen 
Landsitz, .wohin sie ihre Verehrer fleißig einladen." 
„Giftfreier Tabak ist wie Kaffee ohne Bohnen, Wein ohne 
Alkohol, ein Widerspruch. Der hoffnungsvolle Raucherlehrling 
geräth in einen mehr lehrreichen als angenehmen Zustand; er 
hustet nicht, sondern wird fröhlich, dann bald duselig, es über- 
läuft ihn heiß, zur Abwechslung auch kühl, besonders vom Rücken 
her, Hände und Füße werden unsicher, bald auch die Gedanken; 
ein Bischen tiefinnerliches Weh im Magen und eine Ahnung 
des Todes — mit sehr prosaischem Ausgang, das ist Alles. 
Das Stück wird ausgepfiffen, aber wieder gegeben." 
„Die Kinder sind uns ein Räthsel, ein Wunder, eine Auf- 
gäbe; wir finden es aber bequemer, sie zu unserm Spielzeug 
zu machen." 
„Der Cultus des Glaubens hat alle Blätter der Geschichte 
mit Blut und Thränen befleckt und in Krieg und Frieden die 
Laster des verkommensten Heidenthums nicht verhindert, sondern 
nur gegen billige Entschädigung verziehen. Wenden wir uns 
zum Cultus der Liebe, indem wir die Unwissenden lehren nnd 
die Kranken verpflegen und so den Grund legen zu sozialen 
Verhältnissen, in welchen wir uns gegenseitig weder verfluchen 
noch erschießen." 
* Unter dem Namen „Einfachheit" haben einige Frauen 
in Leipzig einen Verein gegründet, der dem überhand nehmenden 
Luxus und der Ueberladung mit Putz in der weiblichen Kleidung 
dadurch steuern will, daß sich die Mitglieder verpflichten, keine 
Schleppen und keine falschen Haarwülste zu tragen, sowie keine 
Doppelkleider (Tunika, Polonaisen, Schooß und wie dergleichen 
Ueberwürfe heißen), sondern nur Kleider mit glatten Röcken 
und von einerlei Stoff; höchstens ist am Ende des Rockes ein 
kleiner Besatz erlaubt. Man hat zu diesem Zwecke Kleider- und 
Hutmodelle von gleicher Einfachheit, doch ohne Übertreibung 
dieses Grundsatzes, im Anschluß an die herrschende Mode aus- 
gestellt und bestimmte Schneiderinnen verpflichtet, für die Vereins- 
Mitglieder diese Schnitte zu gebrauchen. 
* Die älteste Zeitung der Welt sind wohl die „Acta, 
populi romani diurna", von welcher eine Nummer aus dem 
Jahre 168 v. Chr. Geburt erhalten ist. Dieselbe lautet wört- 
lich wie folgt: „Den 29. März. Der Konsul Licinins versah 
heute die Amtsgewalt. — Ein schweres Gewitter ging heute 
nieder, und der Blitz zersplitterte eine Eiche kurz nach Mittag 
in der Nähe des Veli'schen Hügels. — In einem Wirthshause 
am Fuße des Janushügels kam es zu einer Schlägerei, bei 
welcher der Wirth der Schenke „Zum Bären mit dem Helm" 
sehr schwer verwundet wurde. — Der Aedil Titiuius strafte 
die Fleischhacker, weil diese dem Volke Fleisch verkauft hatten, 
ohne dasselbe erst der behördlichen Besichtigung zu unterbreiten. 
Für das Strafgeld wurde der Göttin eine Kapelle erbaut. — 
Der Wechsler Anfidins aus der Wechselstube „Zum cimbrischen 
Schild" wurde heut mit einer großen Schuldenmasse flüchtig. 
Er wurde indeß auf der Flucht eingeholt, und da von dem Gelde, 
das die Leute bei ihm angelegt hatten, noch nichts verloren ge- 
gangen war, verurteilte ihn der Prätor Fontejus, die Einlagen 
unverzüglich zurückzuerstatten. — Der Räuberhauptmann Demi- 
Phon, der vom Legaten Nerva gefangen wurde, ist heute an's 
Kreuz geschlagen worden. — Die karthagische Flotte ist heute in 
den Hafen von Ostia eingelaufen." 
* Die Bevölkerung des Kantons Bern hat letztes Jahr 
3.604,938 Maß gebrannte Wasser konsumirt. Macht auf den 
Kopf fast 8 Maß. 
* In Berlin verkauftes Ehokoladeupulver erwies sich bei 
der chemischen Analyse als eine Mischung von Weizenmehl, 
Ziegelmehl, Eisenocker und etwas Zucker und Eakao. 
* Die Polizei in Weimar verbot das Musiküben, na- 
mentlich das Klimpern auf dem Klavier bei offenem Fenster bei 
zwei Mark Buße. 
* Landwirthschaftli.ches. Unter dem Titel: „Die 
vorzüglichsten Schweinerassen" hat Hr. Regierungsrath Baum- 
gartuer ein Buch erscheinen lassen, das eine für die Schweizer- 
bauern gemeinfaßlich bearbeitete Anleitung zur Aufzucht, Pflege 
und Mästung dieses so nützlichen Hausthieres enthält und sicher- 
lich Vielen willkommen sein wird. 
Verantwortlicher Redakteur ».Herausgeber: vr. Rudolf Schädler. 
Thermometerstand nach Reaumur in Vaduz. 
Monat 
Morgens Mittags 
7 Uhr 12 Uhr 
Abends 
6 Uhr 
Witterung. 
Okt. 3. 
+ 8 +10 
+ 8 
1 trüb, Nebel, Reg. 
„ 4. 
+ 6 + 9 % 
+ 8'/2 
» „ 
» 5. 
+ 7 +9 
+ 8 
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6 
+ 6V 2 + 9 
+ 6% 
trüb 
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+ 2 +7 
+ 5 

ii 8. 
-f* 4 -j- 6 
+ 4 y 2 

„ 9. 
-j- 3 -{~ 6 
+ 4 

Telegrafischer Kursbericht von Wie«. 
10. Oktober Silber 105.40 
20-Frankenstück 9.54 V 2 
100 Reichsmark 58.75 
London 119.— 
Druck von Heinrich Graff in Feldkirch.
        

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