Herausgeber:
Liechtensteinische Wochenzeitung 1873-1877
Bandzählung:
1877
Erscheinungsjahr:
1877
PURL:
https://www.eliechtensteinensia.li/viewer/object/000259759_1877/154/
Ambulanzen vom Schlachtfeld aufgelesen, und annähernd die 
Zahl der Todten. Heute weiß man, d?ß auch zahlreiche Gefau- 
gene in die Hände der Türken gefallen sind. Der Verlust der 
Russen, welche mit etwa 100,000 Mann die türkischen Stellungen 
angriffen, beziffert sich in runder Summe auf 25,000 Mann. 
Von der 12,000 Mann starken Brigade Skobeleffs sind nach 
der eigenen Angabe dieses Generali nur 4000 Mann übrig 
geblieben. Die Rumänen haben von ihren etwa 26,000 Mann 
starken zwei Divisionen 5000 Mann verloren. Diese Zahlen 
reden eine furchtbar deutliche Sprache. Die letzte Affaire von 
Plewna war verhältnißmäßig die blutigste Schlacht unseres Jahr- 
Hunderts. Die deutsche Armee hat bei ihrem Angriff auf die franzö- 
fischen Stellungen bei Gravelotte wohl auch 25,000 Mann ver- 
lotren; aber sie war 225,000 Mann stark, es wurde somit der 
neunte Mann der Gesammtstärke außer Gefecht gesetzt; die rus- 
fische Armee dagegen hat von ihrer Gesammtstärke den vierten 
Mann verloren. Der größere Unterschied der beiden Schlachten 
liegt freilich darin, daß die Deutschen ihren Zweck erreichten und 
die französischen Stellungen nahmen, während die Russen mir 
all ihrer Tapferkeit und ihren ungeheuer» Verlusten nichts als 
das Hohngelächter ihrer Feinde erkauften. Die Stimmung der 
Deutschen nach den Verlusten von Gravelotte war eine traurige, 
aber trotzdem eine gehobene und selbstbewußte; die Russen sind 
nach der dritten bei Plewna verlorenen Schlacht niedergeschmettert 
und rathlos. Der Pessimismus hat ihre ganze Armee durch- 
drungen. Der Muth und die Zuversicht des bisher unvergleich- 
lich tapferen russischen Soldaten ist gebrochen. Derselbe gehorcht 
wie immer, aber mit Murren und Widerwille«. Er will sich 
nicht mehr zwecklos zur Schlachtbank schleppen lassen. Seine 
Kräfte, sind durch den fünfmonatlichen Feldzug mit seinen furcht 
baren Märschen, durch ein ungewohntes unb ungesundes Klima, 
durch Mangel an Trinkwasser und Entbehrungen aller Art und 
durch erfolgloses Ringen und Kämpfen erschöpft. In fast eben 
so hohem Grade hat sich diese vertrauenslose verzweifelte Stim- 
nnmg der subalternen Offiziere bemächtigt, und selbst die höheren 
Offiziere und Generale huldigen nur noch dem Pessimismus. 
Ließ doch einer der letzteren gestern in-Bukarest beim Anblick der 
durch die Stadt marschireuden Garde-Kavallerie-Regimenter die 
Aeußerung fallen: „Es ist schade um die herrliche Truppe; sie 
Wird in diesem verdammten Krieg ebenso zu Grunde gehen wie 
die übrigen." Bei dieser Gelegenheit erlaube ich mir einige 
Bemerkungen fremder Offiziere über die Gardctruppen eiuzu- 
schalten, welche gestern die Hauptstadt Rumäniens durchzogen 
haben. Die russische Garde hat nicht den Eindruck gemacht, 
welchen man von derselben erwartet hatte. Sie hat schöne Leute 
und noch schönere Pferde; aber die Soldaten entbehren der 
Sauberkeit und Accuratesfe in Kleidung und Haltung, welche 
man bei europäischen Truppe» zu sehen gewöhnt ist. Sie defi- 
lirten vor der Fürstin von Rumänien, und doch hatte kaum einer 
dieser außerlesener Soldaten seine Stiefel geputzt. Die wilden 
oder melancholischen Gesänge des ersten Zuges jeder Escadron 
zum Takte der Eymbel und Querpfeife, mit welchen sie durch 
die Straßen der Hauptstadt marschirten, machten auf den Euro- 
päer mehr den Eindruck des Barbarischen als des Militärischen. 
Die Pferde sind bei jeder Escadron von ganz gleicher Farbe, 
kräftig, groß und von edler Race; aber sie waren von dem 
langen Marsch augenscheinlich ermüdet und wurden, anstatt direkt 
auf den Kriegsschauplatz zu gehen, mindestens einer acht- bis 
zehntägigen Ruhe bedürfen um bei einer Attaque einen kräftigen 
Choc ausführen zu können. Was endlich die Garde - Artillerie 
betrifft, so erregte sie mehr Ver- als Bewunderung. Das Mate- 
rial scheint noch aus den Zeiten Alexanders I. zu stammen, 
und es ist nicht daran zu denken, daß eine russische Feldbatterie 
auf große Distanzen den Kampf mit einer türkischen Batterie 
neuen Systems aufnehmen könnte; Für kurze Distauzen bieten 
die langen und Hochrädengen russischen Lafetten wiederum ein 
viel zu großes Zielobjekt. Diese Urtheile über eine einzelne 
russische Truppe führen von selbst zu Betrachtungen über die 
Gründe aus welchen die Russen bei ihrem Angriff auf die Türken 
nicht reussiren konnten, denn die Bewaffnung hat dabei keine 
unbedeutende Rolle gespielt. Wie war es möglich, daß man in 
St. Petersburg vou der großen Ueberlegenheit der türkischen 
Artillerie über die russische SpezialWaffe, von der Ueberlegen- 
heit des türkischen Jnfanterie-Gewehres über das russische — 
sowohl in Bezug auf Treffsicherheit als Tragweite — keine 
Kenntniß hatte? Wie war es möglich, daß man sich von der 
Ueberlegenheit der russischen Kavallerie so große Erfolge versprach, 
während man doch wissen mußte, daß das coupirte Terrain auf 
dem Kriegsschauplatz Bulgariens dieselbe nur selten zur vollen 
Wirkung gelangen lassen würde? Freilich war diese Unterschätzung 
des Gegners nicht die einzige und nicht die schlimmste. Man hat 
sich in St. Petersburg in Bezug auf die eigenen Mittel und in 
Bezug auf die Widerstandsfähigkeit der-Pforte so ziemlich in 
allen Stücken geirrt; am meisten in der Schätzung der russischen 
und der türkischen Generale, da die russischen Truppen, mit 
Ausnahme der Affaire von Nikopoli, sich bei jeder Gelegenheit 
überlegenen türkischen Streitkräften gegenüber sahen. Die Stel 
lungen bei feindlichen Heere bei Plewna wurden noch am 10. Sep- 
tember von dem obersten Kriegsherrn der Russen gegen den 
englischen Kapitän Simor als „das türkische Sedan" bezeichnet, 
und trei Tage später waren sie das Grab von Tausenden rus- 
sischer Krieger und des russischen Prestige." 
Frankreich. Die französischen Abgeordnetenwahlen sind 
auf den 14. Oktob. ausgeschrieben. Bei der ungeheuer« Wichtig 
keit, welche der Ausfall derselben auf die Zukunft Frankreichs 
hat, ist nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa auf das Re- 
fultat des genannten Tages gespannt. Angesichts der bevor- 
stehenden Wahlen hat der Marschall-Präsident Mac Mahon ein 
Manifest an das Französische Volk gerichtet, welches einem Selbst- 
Herrscher jedenfalls besser anstehen würde als dem Präsidenten 
einer Republik. Dasselbe lautet: 
„Franzosen! Ihr seid im Begriff eure Vertreter zur De- 
putirtenkammer zu ernennen. Ich beabsichtige keinen Druck auf 
die Wahle» auszuüben; aber ich halte darauf: um alle Zwei- 
deutigkeiten zu zerstreuen, ist es nvthwendig daß ihr wisset was 
ich gethan habe, was ich zu thu» brabsichtige, und was die 
Folgen der Schritte sein werden die ihr selbst zu thun im Be- 
griffe seid. Was gethan worden, das ist folgendes: Seit vier 
Jahren habe ich den Frieden erhalten, und das persönliche Ver* 
krauen mit dem mich die auswärtigen Souveräne beehrten, ge- 
stattet mir unsere Beziehungen mit allen Mächten von Tag zu 
Tag herzlicher zu gestalten. Im Innern ist die Ruhe nicht 
einen Augenblick gestört worden. Dank der einträchtigen Politik 
welche mich mit Männern umgab die vor allem dem Land er- 
geben waren, hat der allgemeine Wohlstand, der einen Augenblick 
durch unsere Unglücksfälle zum Stillstand gebracht war, wiederum 
einen Aufschwung genommen, der Nationalreichthum hat zuge- 
nommen, trotz den schweren Bürden; der Natioualkredit hat sich 
befestigt; Frankreich, friedlich und vertrauensvoll, sieht gleichzeitig 
seine Armee, welche stets des Landes würdig ist, auf neuen Grund- 
lagen reeonstituirt. Diese großen Resultate indessen waren von 
Gefahren bedroht: die Abgeordnetenkammer, welche sich täglich 
mehr der Leitung gemäßigter Männer entzog und mehr und mehr 
durch anerkannte Parteihäupter des Radicalismns beherrscht wurde, 
war dahin gekommen den Theil der Autorität zu verkennen der 
mir zukommt, und den ich nicht vermindern lassen darf, ohne 
die Ehre meines Namens vor euch, vor der Geschichte zu euga- 
giren. Indem die Deputirtenkammer gleichzeitig den legitimen 
Einfluß des Senats in Frage stellte, beabsichtigte sie nichts Ge- 
ringeres als an Stelle des notwendigen Gleichgewichts der durch 
die Verfassung errichteten Gewalten den auf einer neuen Verein- 
barung basirenden Despotismus zu setzen. Zauderu war nicht 
mehr gestattet; von meinem constitntionellen Recht Gebrauch 
machend habe ich in Uebereinstimmnng init dem Senat die De-
        

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